Donnerstag, 25. Juli 2013

Rezension / Ein ganzes halbes Jahr (Jojo Moyes)


Die vielen Vergleiche dieses Buches zu "Ziemlich beste Freunde" von Philippe Pozzo di Borgo sind zugegebenermaßen nicht weit hergeholt. Und dieser Hinweis ließ mich zunächst auch zögern, "Ein ganzes halbes Jahr" zu lesen.







Klappentext: 

Louisa Clark weiß, dass sie gerne als Kellnerin arbeitet und dass sie ihren Freund Patrick eigentlich nicht liebt. Sie weiß nicht, dass sie schon bald ihren Job verlieren wird. Will Traynor weiß, dass es nie wieder so sein wird wie vor dem Unfall. Und er weiß, dass er dieses neue Leben nicht führen will. Er weiß nicht, dass er schon bald Lou begegnen wird. Eine Liebesgeschichte, anders als alle anderen. Die Liebesgeschichte von Lou und Will. 

Meine Meinung (Achtung, enthält Spoiler!): 

Die 27-jährige Lou wird arbeitslos und wird vom Arbeitsamt "gezwungen", sich auf den Job als Pflegerin eines Tetraplegikers zu bewerben. Schon hier fängt es mit den Parallelen an.
Der erste Rundgang durch das Haus ihres neuen Arbeitgebers erinnert mich auch stark an eine Filmszene der oben genannten, französischen Komödie.

Nichtsdestotrotz habe ich weitergelesen und festgestellt, dass die Geschichte eine ganz andere Wendung nimmt.
Lou verliebt sich in Will, Will verliebt sich in Lou.
Die Romantik-Komponente wird eher herausgearbeitet und Humor ist zwar vorhanden, aber nicht so stark wie bei unserem "Vergleichsobjekt".

Erleichtert war ich darüber, dass das Buch keineswegs kitschig ist. Aber um gewisse Klischees kam die Autorin leider nicht herum...
ER: reich, schön, interessiert an klassischer Musik und Büchern.
SIE: mittellos, durchschnittliches Aussehen, verrückt, eher uninteressiert/ ungebildet, nur Mode im Kopf...das Schöne hier ist, dass zumindest ihre Schwester Treena, die ja auch aus diesen "armen" Verhältnissen kommt, als genaues Gegenteil beschrieben wird.

Besonders gut hat mir gefallen, dass viele Schauplätze und Konflikte eingearbeitet wurden - eine emotionale Berg- und Talfahrt.

Viele Fragen, die ich mir anfangs beim Lesen gestellt habe, werden im Laufe des Buches aufgeklärt, wie z.B. die Frage, warum eine 27-jährige mit Job und Freund noch zuhause wohnt. Diese Tatsache war auch wichtig, um ihren inneren Konflikt herauszuheben. Genauso, warum ihre "perfekte" Schwester ein Kind ohne Mann hat (was mir sehr gefallen hat - dadurch wurde die Figur Katrina dreidimensionaler, glaubwürdiger.)

Um nochmal auf Lous innere Konflikte zurückzukommen: ihre Gedankenwelt wurde während des Lesens zu meiner Gedankenwelt. Ich konnte das Dilemma 100 % nachempfinden und auch ihr Verhalten verstehen.

Die Idee mit den verschiedenen Erzählperspektiven ist gut, aber an der Umsetzung hapert es etwas. Die verschiedenen Ich-Erzählungen sind sehr ähnlich geschrieben und hätten von einer Person stammen können.

Besonders gut haben mir die Geburtstagsszene mit der Bienenstrumpfhose und die Szene mit Will im Labyrinth gefallen. Eine Liebesgeschichte muss meiner Meinung nach "miterlebbar" gemacht werden, bzw. es musste klar werden, WARUM sich Lou konkret in Will verliebt hat. Und das ist Jojo Moyes wunderbar gelungen.

Der Schluss ist mit Bedacht gewählt und hinterlässt den Leser nicht mit einem ganzen, aber zumindest mit einem halben Happy End. Die plötzliche Wunderheilung oder ein Will, den man nicht mehr wiedererkennt, hätte den ganzen Plot zerstört und unglaubwürdig gemacht.
Es gibt eben Dinge, die auch die Liebe nicht ändern kann.

Etwas schade ist, dass Wills Abschiedsbrief nochmal so richtig auf die Tränendrüse drückt. Also kurz vor Schluss doch nochmal ein Schuss Kitsch, um über seinen Tot hinwegzutrösten.

Fazit: 

Alles in Einem habe ich das Buch unheimlich gerne gelesen und mich sehr unterhalten gefühlt. Man bekommt eine gute Mischung aus Romantik und Witz geboten und erhält obendrein noch einen Einblick in das Leben von Menschen mit Behinderung.

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