Donnerstag, 3. Juli 2014

Rezension / Spürst du Gott schon oder liest du noch die Bibel? (Thorsten Brenscheidt)

Im Rahmen meiner kritischen Auseinandersetzung mit den Entwicklungen in unseren Freikirchen bin ich auf das vorliegende Buch von Thorsten Brenscheidt gestoßen. Der Titel weckt bereits Neugierde: worum geht es in diesem Buch? Welche Position nimmt der Autor ein? Ist er pro "Spüren" oder ist der Titel bewusst provokant ironisch?


Ein besonderes Merkmal von Christen, die sich ihrem postmodernen Umfeld anpassen, ist vor allem das Streben nach neuen spirituellen und subjektiven Erfahrungen, die einfach gut tun, Gott "spürbar" nahe bringen und helfen, das Leben auf eigene Art, aber dennoch mit Gottes Unterstützung zu leben. Nebenbei scheinen unbeliebte Begriffe wie "Sünde", "Buße" und "Gehorsam" vollkommen aus dem Wortschatz verschwunden zu sein. Den Gläubigen reichen vor allem Gottes Offenbarungen, wie sie in der Bibel abschließend und vollumfänglich zu finden sind, einfach nicht mehr aus.

Diese These wird vom Autor ausführlich begründet. Er untersucht einzelne Aussagen deutscher und US-amerikanischer Theologen, die derzeit einen sehr großen Einfluss auf liberale Christen haben (z.B. der Benediktinermönch Anselm Grün, die Buchautorin und Predigerin Joyce Meyer und die Buchautorin Sarah Young) und stellt diesen Aussagen stichhaltige Bibelverse gegenüber.


"Wer nicht akzeptiert, wie Gott sich offenbart hat bzw. offenbaren will, macht ihn, den man eigentlich sucht, zum Götzen seiner eigenen Vorstellung."

"Es gilt, das Wort Gottes festzuhalten und zu verteidigen, weil es die einzig verlässliche, gültige und bleibende Grundlage und Legitimation des Glaubens ist."


Das Buch weist einen sehr durchdachten Aufbau auf.

Zunächst geht der Autor in ein paar Kapiteln auf grundlegende Themen ein: was ist der Unterschied zwischen "Glauben" und "Schauen"? Wie sind die allgemeinen Entwicklungen in der Philosophie oder Soziologie? Warum ist Apologetik ("theologische Verteidigung der christlichen Wahrheit") so wichtig, obwohl sie in vielen christlichen Kreisen sehr umstritten ist? Warum ist Bibelkenntnis und -treue für jeden Christen gleichermaßen wichtig, auch wenn manche Theologen dies verneinen?

In den darauffolgenden Kapiteln werden jeweils die Kernaussagen der im Inhalt genannten theologischen "Vorbilder" untersucht. Dabei bleibt der Autor objektiv und nüchtern. Es ist ihm, wie er selbst betont, ein Anliegen, die zitierten Personen nicht persönlich zu verunglimpfen. Die zahlreichen Zitate werden alle mit Quellenangaben belegt. Diesen Zitaten werden passende Bibelverse entgegengestellt, die meist eine völlig konträre Aussage machen. Schon das allein erzielt eine große Wirkung auf den Leser. Dies ergänzt Brenscheidt dann mit eigenen Formulierungen und Gedanken, die zum weiteren Nachdenken anregen.

Die vom Autor exemplarisch ausgewählten Vertreter betonen ALLE gleichermaßen die Wichtigkeit des "Spürens" und "Genießens" in Bezug auf unsere Gottesbeziehung und erklären, warum dies unser Glaubensleben bestimmen sollte. Ich bin sehr fasziniert von Brenscheidts Beobachtungs- und Bewertungsgabe bzw. seine Fähigkeit, solche wohltuenden und gerngehörten Worte kritisch anhand der Bibel zu überprüfen.

Der Schreibstil ist sehr angenehm und der Autor schafft es, den Leser in seine Gedankengänge mit hineinzunehmen. Die Formulierungen sind klar und prägnant und die Argumentationsketten meist nachvollziehbar.
 
Etwas gestört haben mich manche inhaltlichen Wiederholungen, sowohl in den Gedankengängen des Autors, als auch bei den Zitierungen von bestimmten Bibelversen (was nicht ausschließt, dass sie an dieser Stelle passend waren.) Die Wiederholungen sollten vermutlich als Stilmittel zur Bestärkung und Erinnerung dienen.

Besonders gut hat mir die thematische Abrundung am Schluss gefallen, wo Brenscheidt nochmals auf unsere wahre Identität als Christen eingeht. Genießer oder Sklave? Des Weiteren bewirbt er die in Verruf geratene "Stille Zeit", die Gott selbst und sein Wort im Mittelpunkt hat und nicht das Wohlbefinden des Menschen.


Dieses Buch lässt aufhorchen und macht sensibel. Auch wenn ich nicht alle Ansichten des Autors teile ( - nur in Bezug auf kleine inhaltliche Nuancen, weshalb ich nicht im Detail darauf eingegangen bin), hat mir diese Lektüre unheimlich viel gebracht bzw. mich darin ermutigt, auch "berühmte" und angesehene Christen, deren Bücher regelmäßig bei renommierten christlichen Verlagen erscheinen, kritisch zu hinterfragen und einzig und allein das inspirierte Wort Gottes als Maßstab in meinem Leben heranzuziehen.

Dienstag, 27. Mai 2014

Rezension / Selbst ist das Kind (Kay Wills Wyma)

Da ich selbst Mutter von zwei Kindern bin und mich interessiert, was die christlichen Verlage so an Erziehungsratgebern veröffentlichen, habe ich mir dieses Buch vorgeknöpft - in der Hoffnung, ein paar Anregungen für den Alltag mit meinen Kindern zu bekommen.


Die Autorin ist Mutter von fünf Kindern im Alter von 3 - 14 Jahren und weiß, wie schwierig es ist, eine Familie zu managen und Kinder in einem guten Sinn zu erziehen. Eines Tages wird ihr bewusst, dass sie ausschließlich "Beihilfe zur Unselbständigkeit" leistet, indem sie ihren Kindern alle erdenklichen Aufgaben abnimmt - sei es aus Zeit- oder Effizienzgründen. Nach einem Schlüsselerlebnis mit ihrem Ältesten stellt sich die Autorin die Frage, ob die Kinder unter diesen Bedingungen tatsächlich zu Persönlichkeiten heranwachsen können, die irgendwann selbstbewusst und gestärkt in ein eigenständiges Leben treten können.
So startet sie ein Jahresexperiment, bei dem den Kindern nach und nach die Führung bei alltäglichen Verrichtungen überlassen wird. Dabei stößt Wyma natürlich an ihre Grenzen, da konsequentes Verhalten nun auf der Tagesordnung steht. Doch sie darf auch überrascht feststellen, dass in ihren Kindern mehr steckt, als sie geahnt hätte...


"Ein Grundsatz ist mir durch das Experiment klar geworden: Eltern müssen so früh wie möglich damit beginnen, ihre Kinder fit zu machen für den ganz normalen Lebensalltag. Wenn sie sich als jüngere Kinder gegen Anforderungen wehren, die wir in dieser Hinsicht an sie stellen, dann hat dieser Widerstand längst nicht die Intensität und die Unerbittlichkeit wie bei älteren Teenagern."


Inhaltlich ist das Buch besonders für Mütter geeignet, deren Kinder aus dem Kleinkindalter herausgewachsen sind. Aber es dient auch Müttern wie mir als "Warnung" - nämlich rechtzeitig den Absprung zu schaffen.
Die Autorin deckt mit dem Experiment alle möglichen Bereiche ab, in denen Kinder mit anpacken können: Essensplanung und Kochen, Putzen, Ordnung halten, Besorgungen machen, anderen helfen u.v.m.
Sie führt monatlich neue Regeln ein und verknüpft die Aufgaben teilweise auch mit Belohnungen (- die eine oder andere Idee muss ich mir für später merken...) Dabei bleibt sie rücksichtsvoll und lässt durchaus mit sich reden, wenn es sein muss, und geht auf jedes Kind einzeln ein. Es ist schön zu lesen, dass nicht alles so reibungslos verläuft, wie sie es sich erhofft hat. Trotzdem werden die Erlebnisse ehrlich dokumentiert und bewertet.

Viele Gedankengänge und Hinweise der Autorin waren mir nicht neu bzw. haben vielmehr meine Meinung gefestigt. Das Buch hat mir in Erinnerung gerufen, was mein Job als Mutter auch beinhaltet: und zwar den Kindern in großer Geduld eine Übungsplattform zu bieten, auf der sie sich altersentsprechend ausprobieren können.

Nach meinem Geschmack kam der Glaubensaspekt zu kurz. Hin und wieder lässt die Autorin Gedanken zu geistlichen Themen einfließen, aber es scheint, als ob sie dies gezwungenermaßen passiert wäre, um dem Buch einen christlichen Touch zu verleihen. Ansonsten unterscheidet sich das Buch kaum von einem anderen Erziehungsratgeber.

Der Schreibstil war generell etwas holprig, was meiner Meinung nach an der Übersetzung liegt.

Teilweise fiel es mir schwer, innerhalb der Kapitel den roten Faden zu finden. Es ist schön, dass die Autorin immer wieder Gedanken einfließen lässt, die vielleicht nicht direkt mit der Aufgabe zu tun haben - aber leider wiederholt sie sich dabei oft und verpackt ein grundsätzliches Statement (in meinen eigenen Worten: "Kinder müssen gefordert werden und auch mal unangenehme Aufgaben übernehmen, um zu selbständigen Persönlichkeiten heranwachsen zu können") in allen möglichen Wortvariationen. Dadurch wurde es an manchen Stellen etwas langatmig.


Letztendlich bespricht die Autorin Erziehungsmaßnahmen, die in jeder Familie selbstverständlich sein sollten. Tugenden, die in der Generation vor uns noch "normal" waren, müssen jetzt leider durch einen Erziehungsratgeber ins Gedächtnis gerufen werden. Trotz allem liefert das Buch gute Impulse und erinnert daran, dass es nicht spießig oder lieblos ist, Konsequenz zu zeigen und die Kinder auch mal an ihre Grenzen laufen zu lassen.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Rezension / Kämpfer des Himmels (Bob Fu)













Der Titel an sich hat schon etwas Provokantes und lässt darauf schließen, dass es sich um die Biographie eines religiösen Fanatikers handelt. Was in gewisser Weise auch stimmt - nur, dass Bob Fu sich nicht irdischer Waffen bedient, sondern auf die Kraft des Herrn baut, um die gute Botschaft des Evangeliums und ein Stück Menschenwürde und Religionsfreiheit nach China zu bringen.


Bob Fu wächst in den ärmlichen Verhältnissen der chinesischen Provinz heran. Da er das Elend in seiner Familie und in seinem Dorf insbesondere der Armut zuschiebt, tut er alles dafür, um an die Universität gehen zu können und durch einen angesehenen Beruf an Geld zu kommen. Im gleichen Zuge träumt er von Macht, um auf die politische Situation unter Mao positiv Einfluss nehmen zu können. Er geht zunächst recht naiv und erfolgreich an die Sache heran - bis zu den Studentenprotesten auf dem Platz des himmlischen Friedens, bei der zahlreiche Studenten durch die Hand der Kommunisten das Leben verlieren.

Als großer Anstifter der Proteste wird er, zurück an der Uni, gedemütigt und unter Beobachtung gestellt. In dieser Zeit denkt er über Selbstmord und Rache an seinen Verrätern nach.
Gerade in diese Situation hinein erfährt er Liebe Gottes und den Frieden, den er durch Jesus mit ihm haben kann. Sein neuer Glaube schenkt ihm Freude und Hoffnung - bringt aber auch vermehrt Gefahren mit sich.

In diesem Buch erzählt er, wie sich die Gemeinde Gottes in China rasant ausgebreitet hat, aber wie viel Leid und Folter sie ertragen musste und immernoch muss.


"Wir saßen schweigend da, und mein Kreuz pochte vor Schmerzen. Aber trotz der Schmerzen spürte ich eine solche Dankbarkeit gegenüber Gott, dass ich Lust hatte zu singen. Also gut. Ich räusperte mich und fing an, ein Lied aus meiner Zeit in der Untergrundkirche zu singen. "Hab Dank von Herzen, Herr", begann ich leise." (Bob Fu im Gefängnis)


Die Biographie von Bob Fu ist inhaltlich etwas ganz Besonderes:

1. Sie rüttelt die westliche Welt, die einen "Wohlstandsglauben" lebt, auf.

Wie oft beschäftigen sich die Christen hierzulanden mit verfolgten Christen in aller Welt? Was können wir tun? Bob Fu appeliert am Ende seinen Buches an seine Leser. Wir können für unsere leidenden Glaubensgeschwister einstehen - sei es nur im Kleinen. Meiner Meinung nach können wir uns vor allem ein Beispiel an ihnen nehmen (s. Punkt 2).

2. Sie zeigt uns, welche Wirkung die "einfache" Botschaft des Evangeliums haben kann und was wahrer Gottesdienst bedeutet.

Mir hat dieses Buch wieder gezeigt, dass die Botschaft des Evangeliums nicht in Watte gepackt werden muss, damit andere sie besser akzeptieren und verstehen. Während der Erweckungsbewegung in China kamen die Menschen durch klare Worte zum Glauben und entwickelten wie von selbst einen Hunger nach mehr. Sie trafen sich in kleinen und geheimen Gruppen zum Bibelstudium und zu Gottesdiensten, die sehr einfach gestaltet waren. Aber daraus zogen die jungen Christen alles, was ihnen als "geistliche Waffenrüstung"  für Zeiten der Folterung und Freiheitsberaubung dienen konnte. Da wurde nicht über verschiedene Musikstile, Gemeindestrukturen oder sonstige Nebensächlichkeiten diskutiert, sondern man machte sich Gedanken darüber, wie die jungen Christen zu "fester Nahrung" kommen können - was diesen wiederum dazu verhalf, sich als Leiter und Hirten einzusetzen. Obwohl es wenige Bibeln im Land gab und diese als gefährliche Literatur eingestuft wurde, kämpfte man dafür, dass das Wort Gottes unter die Menschen kam. Wenn ich das jetzt mit dem "Heute" in unseren Gefilden vergleiche, bin ich zutiefst traurig. Hier gibt es Bibeln in allen Formen und Farben zu erwerben, aber viele Menschen treten das Wort Gottes lieber mit Füßen und genießen ihren Wohlstand bzw. ihre "anderen" Zugänge zu Gott.

Bob Fu schreibt in einem sehr angenehmen Stil, malt dabei ein rundes Bild und erwähnt gleichzeitig viele interessante Details. Zum einen was sein Privatleben angeht, zum anderen was die Methoden der Staatsgewalt angeht. Er beschönigt nichts. In Bezug auf sein Privatleben erzählt er von den Schwierigkeiten im familiären Bereich und schildert seine Zerrissenheit. Er beschreibt z.B. den Zwiespalt, in dem er steckt, vor allem in Bezug auf sein Zeitmanagement. Besonders fasziniert hat mich seine Frau Heidi, eine intelligente und studierte Frau, die ihrem berufenen Mann mit aller Kraft den Rücken freihält. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich.
Seine Ausführungen zu den brutalen Methoden der chinesischen Staatsgewalt sind schlicht schockierend. Man kann kaum glauben, dass sich solche Szenen angeblich heute noch so abspielen.

Hin und wieder ist die Sprache etwas holprig, was entweder am Autor selbst liegt oder aber an der Übersetzung, was aber kaum störte. Eine Biographie muss nicht vorrangig einem sprachlichen Anspruch genügen.

Zum Ende hin flachte die Spannung leider ein wenig ab. Aber man erhält noch viele brauchbare Informationen über die von Bob Fu ins Leben gerufene Organisation "China Aid" (, von der ich leider noch nicht vorher gehört habe). Anhand vieler menschlicher Beispiele zeigt Fu auf, dass das Elend in Bezug auf Religionsfreiheit in China noch lange nicht besiegt ist - auch wenn es nach außen hin anders scheint.


Ein aufrüttelndes Buch! Es macht nicht nur auf das Leid der verfolgten Christen in China aufmerksam, sondern hinterfragt in gewisser Hinsicht auch uns "westlichen" Christen. Was ist uns wirklich wichtig?

Dienstag, 29. April 2014

Rezension / Mein Jahr als biblische Frau (Rachel Held Evans)

Sowohl der Titel als auch das Cover trafen spontan einen Nerv bei mir.
Mir kamen positive und negative Assoziationen in den Sinn. In Bezug auf die Rolle der Frau befinden sich Christen bekanntermaßen schon lange im Konflikt und ich wollte unbedingt wissen, welches Fazit Rachel Held Evans aus ihrem Experiment gezogen hat.


Rachel Held Evans nimmt die Bibel in Bezug auf ihr Frausein ein Jahr lang beim Wort. Jeden Monat setzt sie mit einer anderen weiblichen "Tugend" einen Schwerpunkt, z.B. Sanftmut, Häuslichkeit, Gehorsam, Reinheit...Dabei steckt sie sich auch konkrete Monatsziele. Parallel werden immer wieder Tagebucheinträge ihres Mannes Dan eingestreut, der von seinen Eindrücken zum Projekt berichtet.

"Nach zwölf Monaten biblischen Frauseins gelangte ich zu einem eigenwilligen Schluss: So etwas wie "biblisches Frausein" gibt es gar nicht."


Nachdem ich das Buch mit einem fahlen Beigeschmack zur Seite gelegt habe, weiß ich gar nicht so recht, wie ich in meine Rezension einsteigen soll. 

Die Autorin lässt bereits im Vorwort diesen absonderlichen Satz fallen: "Wie sich herausstellte, gibt es Verlage, die einen sogar noch für solche verrückten Ideen bezahlen! Am 1. Oktober 2010 gelobte ich also, mit Unterstützung von Dan und einem unerschrockenen Team von Verlagsprofis, ein Jahr meines Lebens damit zu verbringen, wahres biblisches Frausein anzustreben." 
Hier schlich sich bei mir zum ersten Mal der Gedanke ein, dass die Autorin das Experiment hauptsächlich dazu durchführt, um Material für ihren Blog und das geplante Buch zu sammeln.
Desweiteren betont sie, dass sie in einem konservativ evangelikalen Umfeld groß geworden und deshalb (in Bezug auf das Rollenbild von Mann und Frau) stark vorgeprägt ist. Als mir im Verlauf des Buches dann bewusst wurde, dass sie die eigens auferlegten Aufgaben nicht wirklich ernst nimmt und vieles durch den Kakao zieht, fühlte sich das Buch plötzlich wie ein Rundumschlag gegen alle ihre konservativen Geschwistern an. Trotz der vielen kritischen Kommentare auf ihrem Blog, die sie auch in ihrem Buch erwähnt, lässt sie sich aber nicht beirren (was sie vielleicht hätte tun sollen...)

Es ist schwer zu fassen, worum es in diesem Buch eigentlich geht. Eines ist jedenfalls klar: Rachel bürdet sich eine Menge Mist auf. Sie zeltet während ihrer Periode drei Tage im Garten, setzt sich zur Buße aufs Hausdach, besucht einen Benimmkurs, quält sich mit Handarbeit, kümmert sich drei Tage lang um ein Simulationsbaby, läuft in Leinenrock und Kopfbedeckung herum, beschäftigt sich mit jüdischen Reinheitsgeboten, u.s.w. - bis zum Schluss wird nicht klar, wohin das führen soll. Ich finde es ja schön, dass sie sich auf die Spuren alttestamentlicher Frauen begeben und sich kritisch mit den Paulusbriefen auseinandergesetzt hat, aber ihre Art, die Ergebnisse zu präsentieren, hatte wenig mit Respekt zu tun.
Man lernt in diesem Buch vor allem Rachel selbst kennen. Sie erzählt von ihrer wilden Entschlossenheit und hebt gerne ihre Stärken hervor. Wie verrückt man doch sein muss, um so ein Experiment durchzuziehen usw...Weiter erfahren wir, dass ihr Mann Dan ein angepasster und geduldiger Zeitgenosse ist, der sie bei ihrem Projekt vorbildlich unterstützt. Im Monat "Schönheit" (Sexualität) stellt Rachel klar, dass sie ein sehr zufriedenstellendes Sexleben hat und ihr Mann und sie auch sonst ein gutes Team sind. Und dass Babys völlig überschätzt werden. Wenn es um ihre Schwächen geht, werden diese humorvoll übergangen. Die Selbst-Beweihräucherung nimmt kein Ende...für mich stellt sich da die Frage: für wen wurde das Buch eigentlich geschrieben? Wer hat etwas davon, dass sie ein Passahfest feiert und ungesäuertes Brot isst, obwohl sie überzeugte Christin ist? Wem will sie damit etwas demonstrieren?

In einem gebe ich der Autorin recht: man kann die Bibel nicht immer 1:1 auf heute übertragen und trotzdem missbrauchen viele Christen Gottes Wort für ihre eigenen Zwecke - in diesem Fall machtgierige Männer. 
Aber so wie sich solche Männer bestimmte Bibelverse herauspicken, pickt sich auch Rachel "ihre" Verse heraus und reißt sie mächtig aus dem Kontext. An einer Stelle bezieht sie sich sogar auf eine Passage, deren Auslegung/ Übersetzung nicht ganz eindeutig ist (Richter 11, 30-40) und säht Zweifel in Bezug auf die Souveränität Gottes. Das ging mir einfach zu weit.

Insgesamt hatte ich mehr Erwartungen an den Inhalt. Ihrer Erkenntnis, dass es "biblisches Frausein" an sich nicht gibt, kann ich zustimmen. Alle guten Tugenden, die man vorrangig von Frauen erwartet, sollten genauso von Männern praktiziert werden. Gott schenkt jedem einzelnen die Weisheit, den für sich bestimmten Platz zu finden und von dort aus seine Aufgaben mit Liebe zu Gott und den Menschen ausführen zu können. Von daher kann ich ihre Hauptaussage sehr gut verstehen. Aber das Drumherum war völlig unnötig und viel zu ausschweifend.

Sie streift am Rande noch die Themen Fair Trade / Wohlfahrt und macht auf das Leid von Frauen auf der ganzen Welt aufmerksam. Es ist gut und wichtig, sich darüber Gedanken zu machen - aber ich erachte sowas als selbstverständlich. Das Leid solcher Frauen hat, ganz nebenbei, nicht immer mit Glaubensmissbrauch zu tun, sondern gründet auch oft auf rein kulturellen und politischen Gepflogenheiten. Es gibt auch genügend "Chauvis", die sich nicht als Christ oder Moslem betiteln.

Ich finde es schön, dass die Autorin nochmal eine Art Rückblick auf ihr Jahr macht, aber die Schlüsse, die sie zieht, scheinen mir total aus dem Zusammenhang gerissen... es geht um Gerechtigkeit im Allgemeinen, den Schutz von Frauen in aller Welt, Mut zum Muttersein, jede Woche neue Rezepte ausprobieren...das kommt mir alles ziemlich albern vor. Ihre Vorsätze in Ehren, aber mir erschließt sich kein Zusammenhang zum Projekt.
Der Schreibstil ist insgesamt bissig, herablassend und provokant, aber nicht auf eine gute, sondern auf eine gehässige Art. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Autorin ihr Projekt um jeden Preis rechtfertigen will - was mir zeigt, wie unsicher sie letztendlich war.


Das Projekt scheint vor allem der Autorin selbst geholfen zu haben - sowohl finanziell als auch persönlich. Vielleicht konnte sie dadurch ein Trauma überwinden, wer weiß. Mir hätte aber nichts gefehlt, wenn sie dieses Experiment in aller Abgeschiedenheit durchgeführt hätte und kein Buch daraus entstanden wäre...

Montag, 21. April 2014

Rezension / Das Herz eines Nachfolgers (Kyle Idleman)














Laut Klappentext geht es in diesem Buch um Götzen. Kennen wir ihn nicht irgendwo her, diesen Ausdruck? Ging es nicht um selbstgebastelte Götter? So kennt man es zumindest aus der Bibel. Aber was hat das nun konkret mit mir zu tun?

Wer der Meinung ist, Götzendienst spiele in seinem Leben keine Rolle, greife zu diesem Buch.
Aber Achtung: Explosionsgefahr ;-)


Für Kyle Idleman gibt es keine Atheisten: irgendwas betet JEDER während seines Lebens an. Man kann diese "Götter" auch im Vergnügnungsbereich (Essen, Sex, Unterhaltung), im Machtbereich (Erfolg, Geld, Leistung) oder im Liebesbereich (romantische Liebe, Familie, Ego) finden. Wofür opfern wir Zeit, Energie und Geld? Was beschäftigt unser Denken und Tun? Welche Götter kämpfen um den Thron unseres Herzens?

Nicht der gesunde Umgang mit diesen Geschenken Gottes ist gefährlich - gefährlich wird es dann, wenn wir zu viel Hoffnung in einen "Götzen" stecken, der eigentlich nur ein billiger, unbedeutender Abklatsch ist.


"Wir haben einen Gott, der aus dem Himmel, aus der Vollkommenheit, aus der Reinheit und Macht zu uns kommt, weil er um unser Herz wirbt."

 

Mit den im Inhalt genannten Bereichen (Vergnügen, Macht, Liebe) deckt Kyle Idleman so ziemlich alles ab, wonach ein Mensch in seinem Leben, fernab von den Plänen Gottes, aus eigener Kraft streben könnte. Der Inhalt ist zwar knapp abgesteckt, spricht aber mit Sicherheit JEDEN Leser auf seine Art an.

Kyle Idleman erzählt viel aus seinem eigenen Leben und aus dem Leben von Menschen, denen er in seiner Tätigkeit als Pastor begegnet ist. Die Beispiele sind lebensnah, herausfordernd und regen sehr stark zum Nachdenken an. Immer wieder geht es um Menschen, die an die Grenzen ihrer eigenen Kraft und Kompetenz stoßen und merken, dass sie mit ihrem "Götzen" auf dem Holzweg sind.

Besonders gelungen finde ich die Einbettung der QR-Codes, die direkt auf die ausführlichen Lebensgeschichten der erwähnten Personen verlinken. Das ist mir in dieser Form noch nie begegnet!

Hier und da werden auch interessante Statistiken und Studien eingebaut, die einen "ungesunden" Trend in unserer Gesellschaft verdeutlichen.

Manchmal tue ich mir schwer mit christlichen Bücher, die Druck auf mich ausüben, bzw. in denen der Gedanke der Gnade Gottes zu kurz kommt. Dennoch weiß ich wie wichtig es ist, mein Leben ständig neu unter die Lupe zu nehmen. Kyle Idleman vergleicht unser Herz mit einer zugemüllten Quelle, die den Dreck irgendwo hin schwemmt. Es nützt also nichts, den Müll weiter unten einzusammeln - die Quelle muss im Auge bahalten werden. Es bringt nichts, an den Symptomen zu arbeiten. Vielmehr muss man sich fragen: wo steckt die Ursache? Und es gibt jemanden, der uns klares Wasser einschenken möchte. Dieses Bild hat mir sehr gut gefallen.

Idleman betont vielfach, dass die von Gott gesteckten Grenzen NIEMALS dazu da sind, um uns zu quälen. Aber es gibt die "eifersüchtige" Seite des biblischen Gottes - und diese reine Eifersucht ist immer mit Liebe verbunden.

Wer glaubt, dass so ein Buch bierernst geschrieben sein muss, täuscht sich gewaltig! Der Schreibstil ist umgangssprachlich, liebevoll und stellenweise sehr humorvoll. Ich sah vor mir also keinen Geistlichen mit erhobenem Zeigefinger - trotz der deutlichen Sprache.

Dieses Buch hat mich insgesamt sehr zum Nachdenken angeregt und verfolgt mich immernoch bis in meinen Alltag hinein. Das Faszinierendste an diesem Buch ist, dass man sich vorher gedanklich in einer gewissen Rubrik einordnet, aber plötzlich in anderen Kapiteln unangenehme, aber wichtige Entdeckungen macht.


"Das Herz eines Nachfolgers" ist ein Buch, das einen nicht mehr loslässt und im Alltag nachhallt.
Was will ich? Modriges Zisternenwasser oder klares Quellwasser?

Dienstag, 8. April 2014

Rezension / Glaube, der die Furcht vertreibt (Angie Smith)

Ängste kennt eigentlich jeder - ob Mann oder Frau. Dieses Buch von Angie Smith ist an Frauen gerichtet, die herausfinden möchten, was der Gott der Bibel über Ängste denkt.






Zunächst war ich nicht sicher, ob dieses Buch mich ansprechend wird. Aus zwei Gründen:

1. Man kann so ein Buch recht oberflächlich und abgedroschen schreiben
2. Ich bin keine typische Frau

 

Angie Smith behandelt zahlreiche Formen der Angst, z.B. die Angst vor Ablehnung, die Angst vor dem "ertappt werden", die Angst vor dem Tod oder gar die Angst vor Gott. Es geht also nicht nur spezifisch um Ängste, die Frauen mit sich herumschleppen, sondern auch um Ängste, die durchaus Männer haben können. Zu jeder Form stellt sie eine biblische Geschichte vor aus welcher hervor geht, dass wir nicht die Ersten sind, die sich mit solchen Ängsten herumschlagen. Anhand der Geschichten versucht die Autorin herzuleiten, WIE Gott ist, was vor seinen Augen zählt und wie er uns noch heute in unseren Ängsten begegnen möchte.


"Was, wenn Gott uns etwas Wunderschönes gegeben hat, und wir haben jahrelang versucht, etwas daraus zu machen, das wir für besser halten?"

"Ich glaube nicht, dass wir Angst davor haben sollten, Gott zu fürchten."


Das Buch ist inhaltlich breit gefächert, somit kann sich jede Leserin in irgendeiner Angst-Sparte wiederfinden. Natürlich gibt es wesentlich mehr Ängste, auf die die Autorin hätte eingehen können - aber um authentisch zu bleiben, blieb sie bei Ängsten, die sie im Laufe ihres eigenen Lebens selbst zu spüren bekam.

Die Kapitel beinhalten immer drei Komponenten:

- Eine biblische Geschichte, die näher beleuchtet wird
- Eigene Erfahrungen der Autorin oder Erfahrungen aus ihrem Umfeld
- Weiterführende Gedanken

Durch den ständigen Wechsel innerhalb der Kapitel war das Buch sehr abwechslungsreich und angenehm zu lesen.

Den einen oder anderen Gedanken konnte ich als NEU für mich verbuchen. Vieles war aber "nur" eine Auffrischung bzw. Erinnerung (was auch nicht das Schlechteste ist). Aus theologischer Sicht jedenfalls ist das Buch sehr wertvoll - soweit ich das beurteilen kann.

Besonders positiv aufgefallen ist mir die offene Art der Autorin, die frei über ihre Ängste und Schwächen berichtet, ohne diese gleichzeitig in einem guten Licht erscheinen lassen zu wollen (manche Autoren schaffen das - erinnert an Vorstellungsgespräche). Der Bericht über den Tod ihrer Tochter hat mich sehr berührt. Auch konnte ich ihre anklagenden Gedanken Gott gegenüber sehr gut nachvollziehen. Aber umso mehr konnte ich ihr auch abnehmen, dass sie durch dieses Erlebnis näher zu Gott "gerückt" ist und er sie ein stückweit von ihren Todesängsten befreien konnte.

Der Schreibstil ist durchweg angenehm - die Autorin schreibt, als würde sie sich mit einer Freundin unterhalten (und dieses Gefühl möchte sie den Leserinnen auch vermitteln, wie sie im Laufe des Buches betont). An manchen Stellen wird es mir ein wenig zu flapsig oder aufgesetzt. Auch wurde ich das Gefühl nicht los, dass manche Begebenheiten oder Diaologe für das Buch "gepimpt" wurden. Aber das lässt sich bei Sachbüchern wohl schwer vermeiden.

Insgesamt hat mir das Buch viele gute Impulse gegeben und mir geholfen, meinen Fokus wieder neu auf Gottes Größe und Allwissenheit zu lenken, die man in der eigenen, sorgenvollen Welt manchmal aus den Augen verliert.

Dieses Buch ist ein wertvoller Begleiter auf dem Weg zu geistlicher Reife und erinnert uns daran, dass nicht WIR das Zentrum allen Geschehens sind, sondern unser Vater im Himmel, der alles in der Hand hat und uns in Liebe durchs Leben führen möchte.

Freitag, 4. April 2014

Friedhof / Jane Eyre (Charlotte Brontë)

Fakten: 

Gelesen bis: S. 173
Gefühl beim Lesen: "Ich brauche jetzt was anderes..."
Größte Schwäche: Spannungsarm
Kleines Lob: Wunderbar poetische Sprache






Meine Kurzmeinung:

Ein Raunen geht durch die Menge...sie legt einen Schatz der Weltliteratur einfach ungelesen zur Seite! Ja.
Es ist aber ganz einfach zu erklären: mir ist momentan nicht nach schwülstiger Frauenliteratur, sondern nach knallharten Fakten und Büchern, die mich persönlich weiterbringen. Es hat also nichts mit der Epoche oder dem schriftstellerischen Talent von Charlotte Brontë zu tun, sondern liegt an meiner momentanen Lesestimmung. Ich bin sehr erstaunt darüber, dass ich es überhaupt so weit geschafft habe - mache mir aber keinen Kopf darüber, dass ich "gescheitert" bin. Wie gesagt: in dieser Hinsicht habe ich umgedacht. 

[Was ist der Friedhof der Bücher?]

Samstag, 29. März 2014

Rezension / Darauf kannst du dich verlassen! (Ansgar Hörsting)

Aus dem Wunsch heraus, wieder mehr zu christlicher Literatur zu greifen, bin ich auf dieses kleine Büchlein gestoßen. Der Autor Ansgar Hörsting ist Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG), mit dem auch wir uns verbunden fühlen.


In 13 Kapiteln beleuchtet der Autor das Thema "Verheißungen Gottes" (oder auch "Zusagen Gottes"), basierend auf das, was in der Bibel zu finden ist. Welche Verheißungen gibt es im alten und neuen Testament? An wen waren sie zunächst gerichtet? Gelten sie auch noch für uns? Gibt es Bedingungen, die zu beachten sind?


"Wer keine Angst kennt, braucht keinen Mut, um sie zu überwinden."

"Man könnte Jesus so verstehen, als sei Bildung ein echter Nachteil, wenn es darum geht, Gottes Offenbarungen zu empfangen. Und tatsächlich: Wenn Bildung zu Einbildung führt, ist das der Fall. Wenn Bildung jedoch bewirkt, dass ein Mensch demütig wird und sich eingesteht: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" (Zitat Sokrates), dann ist Bildung recht verstanden."

 "Differenziert denken - einfach sprechen."


Aus der Fülle der Zitate wird schon klar, dass ich sehr vom Inhalt dieses Buches angetan bin. Es bleibt nicht bei diesen Zitaten: auch der große inhaltliche Kreis, den Hörsting zeichnet, ist angenehm durchdacht und strukturiert.

Zunächst beleuchtet er, wie man sich den entsprechenden Bibelstellen nähern kann und warum es wichtig ist, sie genau zu studieren. Dann kommt die Frage nach dem Adressaten: wer wird hier eigentlich primär angesprochen? Wie war der geschichtliche Kontext? Hörsting erklärt anhand von Beispielen, wann auch wir als 2. Adressaten die Zusagen für uns in Anspruch nehmen können. Im Laufe des Buches ändert der Autor sein Blickfeld: erwartet Gott vielleicht auch was von uns? Am Schluss schwebt aber die gute Botschaft über allem: durch Jesus haben wir eine Zuversicht, die über unser Leben und unseren Verstand hinausgeht. Schon hier auf Erden ist ein vom Geist erfülltes Leben möglich - in guten Zeiten sowie im Leiden.

Sehr gut gefallen haben mir die anschaulichen Beispiele, die schön in die theoretischen Teile eingebettet wurden. Ebenso hauchen die Erfahrungsberichte des Autors, der selbst sehr symphatisch und authentisch wirkt, dem Buch Leben ein.

Hörsting hat bei seinen Recherchen über den Tellerrand geschaut und interessante Ausflüge in die Hirnforschung, die Geschichte (z.B. Reformation), die Psychologie, die Philosophie... unternommen. Wobei zu betonen ist, dass die Erkenntnisse immer wohldosiert und passend erwähnt werden. Zentrales Thema bleibt trotzdem immer das Wort Gottes.

Der Schreibstil hat mich schlichtweg fasziniert. Ansgar Hörsting lebt genau das, was er selbst in seinem Buch empfiehlt: "Denke differenziert - spreche einfach" (In diesem Fall "schreibe einfach"). Er hat das Thema auf diesen 176 Seiten äußerst differenziert und vielseitig erfasst, sich aber gleichzeitig auf die nötigsten Formulierungen beschränkt. Und es blieben weniger als 200 Seiten, obwohl die Theodizee-Frage gestriffen und sehr befriedigend abgehandelt wurde. DAS will was heißen!

Gut hat mir auch gefallen, dass der Autor zum einen absolut nüchtern und rational an das Thema herangeht (was in meinen Augen auch nötig ist), aber auch von tränenreichen Erfahrungen in seinem eigenen Leben berichtet. Der Schreibstil unterstreicht das runde Bild, das er thematisch zeichnet.

Ganz besonders hervorheben möchte ich Hörstings klare und ehrliche Sprache. Manche Christen tendieren dazu, biblischen Wahrheiten, die nicht so angenehm sind, zu beschönigen. Er aber schreibt z.B: "Denn es gibt für jemanden, der nicht Christus gehört, keinen Grund, den Verheißungen zu vertrauen. Er hat keine feste Grundlage." (S. 63). Das klingt zwar hart, ist aber die absolute Wahrheit.

Mein Gesamteindruck ist mehr als positiv!


Dieses Buch ist in erster Linie für Christen geschrieben, die an Gottes größte Zusagenerfüllung, nämlich den Frieden mit ihm selbst durch Jesus Christus, glauben. Es ist der erste Hemdknopf, den es laut Hörsting zu knöpfen gibt.

An dieser Stelle möchte ich dem Autor ein großes Lob aussprechen, weil er es geschafft hat, eine Ausarbeitung zu präsentieren, die sowohl für Theologen als auch für "Nichtstudierte" (wie mich) eine große Bereicherung ist! 5 Sterne für dieses Buch.

Vielen Dank an den Verlag Verlag SCM R. Brockhaus für das Rezensionsexempar!

Dienstag, 25. März 2014

Rezension / Quasikristalle (Eva Menasse)


Immer wieder bin ich in der Buchhandlung um dieses Buch geschlichen. Kein Wunder, bei dem wunderschönen Cover! Da aus dem Klappentext hervorgeht, dass in der Erzählung mit vielen Perspektivenwechseln zu rechnen ist, konnte ich nicht widerstehen...solche Bücher ziehen mich einfach an.


Es ist die Geschichte von Xane Molin - einer in Wien aufgewachsenen, nicht auf den Mund gefallenen Frau. Die dreizehn Kapitel sind chronologisch aufgebaut und beleuchten ihr Leben aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln: aus Sicht ihrer Jugendfreundin Judith, ihres wachsamen Nachbarn, der engagierten Kinderwunschärztin, usw...dabei steht nicht nur Xane im Fokus, sondern auch die Lebenssituation der entsprechenden Erzähler, die entweder nur einen kurzen Lebensabschnitt mit ihr teilen oder sie fast ein Leben lang begleiten. Nebenbei werden auch gesellschaftskritische Themen aufgegriffen, die in Xanes Leben mit hineinspielen.


"Er war einer dieser Menschen, die, kaum wach, schon produktive Unruhe verbreiten."

"Das beste Leben ist das Gegenwärtige; aber meistens kommt einem die Gegenwart blass vor, sodass man fruchtlos und ermüdend an Vergangenheit und Zukunft herumzupft."

 
Der Inhalt dieses Buches ist gut durchdacht: Insgesamt steht Xane Molin im Zentrum der Erzählung, von Jugend an bis zum Rentenalter, aber sie kämpft sich nicht alleine durchs Leben. Die Welt dreht sich auch für andere weiter. Infwiefern prägen die unterschiedlichen Lebenssituationen der anderen ihr Bild von Xane? In nur einem Kapitel erzählt Xane aus ihrer Sicht, etwa in der Mitte des Buches. Nach und nach fügen sich die Einzelteile des Bildes von Xane zusammen und ergeben für den Leser ein rundes, ganzheitliches Bild, einen Quasikristall sozusagen. Manche Ausführungen und Hintergründe waren mir etwas zu detailiert, wie z.B. das Kapitel aus Sicht von Shanti. Hier war mir der Zusammenhang nicht ganz klar - außer, dass es um die Beleuchtung eines ethisch fragwürdigen Falls geht.

Nebenbei streift die Autorin noch politische Themen: die Nazi-Vergangenheit der Deutschen, den Disput über Extreme bzw. Ideale und wie die österreichische und deutsche Mentalität kollidieren können.

Die Charaktere sind von der Autorin detailgetreu gezeichnet und bleiben auch bis zum Schluss überzeugend. Eva Menasse geht hier quer durch den Gemüsegarten, was die Typen angeht: die pubertierende Jugendliche, die Alleinerziehende am Rande der Gesellschaft, die Karrierefrau, die Mama, der Freiheitskämpfer, das in sich gekehrte Kind, der frustrierte Altenheimbewohner, der Professor, der Spießer, der Künstler....

Am Beispiel Xane wird herausgearbeitet, dass Außen- und Eigenwahrnehmung sich nicht völlig widersprechen müssen, auch wenn jeder Erzähler andere Eigenschaften hervorhebt. Gegenteilige Charaktereigenschaften können zusammen ein großes Ganzes ergeben. Xane wird beispielsweise zum einen als ehrgeizige und korrekte Frau beschrieben - aber an anderen Stellen wird klar, dass auch sie an ihre Grenzen stößt. Auch ehrgeizige Menschen können scheitern und müssen lernen, damit umzugehen.

In Manasses Schreibstil konnte ich so richtig schön "baden" und verweilen: er ist intelligent, häufig metaphorisch ("Inzwischen nimmt die Vor-Mor-Zeit nämlich wieder ein bisschen Farbe an, als ob sich ihre Wangen röteten. Manchmal wirkt sie beinahe wieder interessant, wie ein staubiges, leicht anrüchiges Kostüm, das man zum Spaß nochmal anprobieren könnte.") und trotz allem humorvoll und kurzweilig. Auffällig ist, dass die Autorin bei den Dialogen auf Absätze und Anführungszeichen verzichtet, was etwas mehr Aufmerksamkeit beim Lesen erfordert. Anfangs hat mich das irritiert, aber als mir dieses Stilmittels bewusst wurde, ging es schlagartig besser.

Obwohl Wien und Berlin Schauplätze sind, verzichtet die Autorin auf übertriebene Mundart und lässt nur hier und da spezifische Begriffe fallen, die auch ein Hochdeutscher verstehen würde.

Das Buch ist in sich schlüssig: alle Kapitel sind sowohl zeitlich als auch inhaltlich gut aufeinander abgestimmt, was für eine gute Planung spricht.

Insgesamt bin ich ziemlich fasziniert von diesem Roman, der zwar einerseits das Leben einer "normalen" Frau beschreibt (in deren Leben objektiv gesehen nicht allzu viel schief läuft), aber andererseits viel Spannung durch zwischenmenschliche Konflikte und ethische Fragen mit sich bringt.


"Quasikristalle" ist ein echter Lesegenuss. Der Roman fordert den Leser und unterhält ihn zugleich. Er ist vor allem facettenreich. Aufgrund der vielen Erzählperspektiven hat der Leser die Möglichkeit, sich mit einem Typus Mensch zu "verbünden".

Mittwoch, 19. März 2014

Rezension / Wohin der Wind uns weht (João Ricardo Pedro)

Bei der Durchsicht der Neuerscheinungen "März 2014" ist mir dieses Buch zum ersten Mal aufgefallen - und prompt gab es eine Leserunde bei Lovelybooks.
Ich habe ein ernsthaftes, zum Nachdenken anregendes Buch erwartet, das auch ein bisschen was zur Geschichte Portugals erzählt.


In diesem Familienepos spielt der junge Portugiese Duarte Mendes, der die dritte Generation verkörpert, die Hauptrolle.

Gleichwohl prägen ihn sein Vater António und sein Großvater Augusto, die beide ihr Päckchen zu tragen haben: sein Vater kommt nicht über Erlebnisse des portugiesischen Kolonialkriegs in Angola hinweg und lässt die Familie das deutlich spüren. Der Großvater Augusto führt ein zurückgezogenes Leben als Landarzt und die Briefe seines Freundes Policarpo, der ihm aus aller Welt berichtet, scheinen die einzigen Lichtblicke zu sein.

Und so kämpft Duarte mit den familiären Widrigkeiten, aber auch mit dem Leid, das ihm in seinem nahen Umfeld begegnet - fernab der politischen Ereignisse des Landes.
Seine musikalische Begabung, die er zeitweise als Pianist auslebt, stellt sich im Laufe der Geschichte eine weitere Last für ihn dar. Die Epoche der Romantik bewegt ihn zutiefst, ohne dass er es einordnen kann. Somit wendet er sich instinktiv dem Barock zu - der Epoche, die thematisch den Tod im Zentrum hat.
Im Laufe der Geschichte lernt er Luísa kennen, die scheinbar der einzige Fixpunkt in seinem Leben bleibt und ihm Halt schenkt.

"Der Arzt fragte ihn, warum er angefangen habe, Klavier zu spielen. Duarte sagte: Nicht ich habe angefangen, Klavier zu spielen. Das waren meine Hände."


Das Buch ist sehr ungewöhnlich aufgebaut: wir haben es nicht mit einer einzigen Geschichte zu tun, sondern werden mit einzelnen Sequenzen aus der Familiengeschichte der Mendes konfrontiert. Desweiteren tragen auch die Schicksale einzelner Menschen aus Duartes Umfeld zur allgemeinen Stimmung und seiner Entwicklung bei. Es war also kein Leichtes, den Inhalt als Ganzes zu erfassen, was teilweise auch an Zeitsprüngen und dem Wechsel zwischen den einzelnen Schicksalen lag.

Der Epos umspannt mehrere Jahrzehnte und deutet hier und da politische Ereignisse in Portugal an - wobei die Familientragödie der Mendes im Vordergrund bleibt. Meines Erachtens versucht der Autor zu verdeutlichen, dass auch Bevölkerungsgruppen, die fernab des politischen Geschehens leben und arbeiten, eigenen Kriege ausfechten müssen. Das wird deutlich an dem Kapitel "Holocaust" - dieser feststehende Begriff wird oft mit dem 3. Reich in Verbindung gebracht. Hier aber geht es einfach nur um den griechischen Ursprung des Wortes, nämlich "vollständig verbrannt".

Der Autor verschont seine Leser jedenfalls nicht und schockiert mit vulgären Ausdrücken und brutalen Szenen. Normalerweise bin ich dafür empfänglich - denn das Leben ist nunmal kein Ponyhof - aber an drei Stellen wurde es mir dann doch zu geschmacklos.

Für mich war dieses Buch ein reiner Stimmungsträger bzw. hatte gute philosophische und psychologische Ansätze. Zu den Protagonisten konnte ich allerdings keine Nähe aufbauen. Die Ausführung negativer Charaktereigenschaften war dominant und die Passagen, in denen die Charaktere in ein gutes Licht gerückt wurden, fielen eher karg und emotionslos aus.

Am besten hat mir der Schreibstil gefallen, der sehr besitzergreifend und experimentell war. Der Autor wechselt zwischen wortgewaltigen Schachtelsätzen und kurzen, prägnanten Aussagen. Ebenso gibt es starke Wechsel zwischen kargen, informationsarmen Szenen einerseits und Endlosaneinanderreihungen von Alltagstätigkeiten andererseits. Mir hat dieses "Spielen" mit der Sprache also sehr gut gefallen. Es gibt sicher noch weitere Stilmittel, die ein geübter Literaturkenner entdecken würde.

Es fällt mir sehr schwer, die Schlüssigkeit zu beurteilen, denn offensichtlich haben wir es mit einem offenen Ende zu tun. Einige Punkte wurden auch bis zum Ende hin nicht zu Genüge aufgeklärt, was mich etwas enttäuscht zurückgelassen hat.

Mein Gesamteindruck ist sehr durchwachsen. Die Idee und technische Ausführung haben mir gut gefallen, aber inhaltlich konnte mich das Buch nicht überzeugen.


Wer gerne anspruchsvolle Bücher mit viel Interpretationsspielraum liest, kann diesem Buch sicher etwas abgewinnen. Die Grundstimmung des Buches ist düster und beklemmend, was starke Nerven erfordert.
Meine Meinung zu diesem Buch ist jedenfalls genauso zwiegespalten wie Duartes Einstellung zur Musik...