Samstag, 25. Januar 2014

Rezension / Das Labyrinth der Wörter (Marie-Sabine Roger)
















Dieses Buch ist bereits 2008 in der französischen Originalausgabe erschienen und daraufhin verfilmt worden (mit Gérard Depardieu).
Ich bin Halbfranzösin und liebe die unvergleichbare Leichtigkeit, die man in vielen französischen Büchern und Filmen findet. Daher musste ich herausfinden, ob auch die Geschichte von Germain meine Meinung bestätigt.


Germain, der auffällige Hüne, hat keine leichte Kindheit: seine Mutter gibt ihm jeden Tag klar zu verstehen, dass er ein "Unfall" war und auch sein Klassenlehrer, der Germains Unsicherheit spürt, macht ihn zur Schnecke wo er nur kann. Germain vernachlässigt somit die Schule und bleibt bis zum Alter von 46 Jahren in dem Glauben, dass er ein Volltrottel ist. Er wohnt in einem Wohnwagen auf dem Grundstück seiner Mutter und geht praktischen Tätigkeiten nach, um seinen Lebenunterhalt zu finanzieren. Er hat eine feste Freundin, Annette - aber eher als Mittel zum Zweck, denn das Gefühl von "Liebe" ist ihm fremd. Auch ein paar Freunde gehören zu seinem Leben; wobei ihn nicht alle für voll nehmen.

Eines Tages trifft er im Park auf die zierliche Rentnerin Margueritte, die, wie er, Tauben zählt. Es entwickelt sich eine zarte Freundschaft zwischen diesen beiden Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Germain, der ungebildete Analphabet und Margueritte, die lesewütige Studierte. Als sie damit beginnt, ihm vorzulesen, eröffnet sich ihm eine völlig neue Welt.

Germain hat also wenig mit auf den Weg bekommen; weder genetisch, noch erziehungstechnisch gesehen. Die Autorin verdeutlicht in ihrem Roman, dass es mit dem nötigen Willen und Mut möglich, seinem Leben eine neue Richtung geben und Grenzen zu überwinden - ganz unabhängig von den äußeren Umständen. 


"Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert, um sie den anderen besser präsentieren und verkaufen zu können."

"Ohne es zu wollen, hatte Margueritte eine verdammte Lust am Nachdenken in mir geweckt, so was wie ein Ständer im Hirn."


Wer inhaltlich einen komplizierten und anspruchsvollen Plot erwartet, wird enttäuscht werden. Und doch fesselt Germains Geschichte: es ist der Plot, der sich in seinem Kopf abspielt. Welche neuen Erkenntnisse sammelt er im Laufe seiner Freundschaft zu Margueritte? Welche Gefühle tun sich auf? Wie sieht seine Reaktion darauf aus, ganz praktisch? Wie reagieren seine Freunde darauf? Der Leser verfolgt gespannt Germains Entwicklung und hofft für ihn das Beste.

Der Schreibstil ist recht einfach gehalten - was nicht verwunderlich ist. Denn Germain erzählt seine Geschichte selbst. Und da er ein eher "einfach gestrickter" Typ ist, spricht er auch in sehr klaren und einfachen Sätzen. Das macht das Ganze eigentlich so amüsant: er schert sich nicht um Höflichkeitsformen und fragt sich auch nicht, wie seine Ausdrücke bei anderen ankommen. Der Leser muss manchmal ziemlich derbe Sätze schlucken. Aber die Botschaft kommt direkt an, es gibt nichts zu deuten.

Trotzdem erschien mir die Sprache stellenweise etwas ZU ausgefeilt, um 100 % zu Germain zu passen. Man findet wenig grammatikalische Fehler, die ihm durchaus zuzutrauen wären. Aber das kann auch an der deutschen Übersetzung liegen.

Insgesamt war der Plot schlüssig und durchaus realistisch; nur weil man selber "heile Welt" erlebt hat, muss es noch lange nicht heißen, dass andere verschont geblieben sind.

Mein Gesamteindruck war sehr positiv - besonders gut gefallen haben mir Germains total simplen und vergleichenden Gedankengänge, die ich einerseits gut von mir kenne, aber andererseits auch für mich ein ganz neues Licht auf Selbstverständlichkeiten geworfen haben ("Wenn man unkultiviert ist, heißt das nicht, dass man nicht kultivierbar ist. Man muss nur an einen guten Gärtner geraten. Wenn es ein schlechter ist, der keinen grünen Daumen hat, verdirbt er einen" - Germain erinnert sich an einen unfähigen Lehrer).
Und natürlich kommt die Humorkomponente dazu, denn Germain kann auch gut über sich und seine Fettnäpfchen lachen.


Der Roman "Das Labyrinth der Wörter" ist voller Leichtigkeit, Humor und Feinsinn. Meine Erwartungen an das Buch wurden in keinster Weise enttäuscht, sondern eher übertroffen. Wieder so ein Buch, aus welchem man am liebsten hunderte Zitate konservieren möchten.

Wer auf reine Spannung und Action hofft, wird wohl eher enttäuscht werden. Trotzdem spielen sich in Germains Leben grausige Dinge ab, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Und auch wenn das Cover einen Frauenroman vorgaukelt: dieses Buch ist meiner Meinung nach auch für sprachaffine und buchliebende Männer geeignet.

Kommentare:

  1. Ich kenne die Geschichte als Hörbuch und finde sie sehr schön :)

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    1. Ich werde hoffentlich bald den Film sehen können...wollte aber, dass mein Mann das Buch zuerst noch liest und mitguckt 8-)

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  2. Dein Blog ist wundervoll!
    Eine tolle Rezension! Das Buch hört sich richtig toll an. Das Cover sieht so vertäumt aus.
    Alles Liebe und ich wünsche dir einen wundervollen Abend!
    <3
    Catherine von
    cathslovleybooks.blogspot.de/

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