Donnerstag, 3. Juli 2014

Rezension / Spürst du Gott schon oder liest du noch die Bibel? (Thorsten Brenscheidt)

Im Rahmen meiner kritischen Auseinandersetzung mit den Entwicklungen in unseren Freikirchen bin ich auf das vorliegende Buch von Thorsten Brenscheidt gestoßen. Der Titel weckt bereits Neugierde: worum geht es in diesem Buch? Welche Position nimmt der Autor ein? Ist er pro "Spüren" oder ist der Titel bewusst provokant ironisch?


Ein besonderes Merkmal von Christen, die sich ihrem postmodernen Umfeld anpassen, ist vor allem das Streben nach neuen spirituellen und subjektiven Erfahrungen, die einfach gut tun, Gott "spürbar" nahe bringen und helfen, das Leben auf eigene Art, aber dennoch mit Gottes Unterstützung zu leben. Nebenbei scheinen unbeliebte Begriffe wie "Sünde", "Buße" und "Gehorsam" vollkommen aus dem Wortschatz verschwunden zu sein. Den Gläubigen reichen vor allem Gottes Offenbarungen, wie sie in der Bibel abschließend und vollumfänglich zu finden sind, einfach nicht mehr aus.

Diese These wird vom Autor ausführlich begründet. Er untersucht einzelne Aussagen deutscher und US-amerikanischer Theologen, die derzeit einen sehr großen Einfluss auf liberale Christen haben (z.B. der Benediktinermönch Anselm Grün, die Buchautorin und Predigerin Joyce Meyer und die Buchautorin Sarah Young) und stellt diesen Aussagen stichhaltige Bibelverse gegenüber.


"Wer nicht akzeptiert, wie Gott sich offenbart hat bzw. offenbaren will, macht ihn, den man eigentlich sucht, zum Götzen seiner eigenen Vorstellung."

"Es gilt, das Wort Gottes festzuhalten und zu verteidigen, weil es die einzig verlässliche, gültige und bleibende Grundlage und Legitimation des Glaubens ist."


Das Buch weist einen sehr durchdachten Aufbau auf.

Zunächst geht der Autor in ein paar Kapiteln auf grundlegende Themen ein: was ist der Unterschied zwischen "Glauben" und "Schauen"? Wie sind die allgemeinen Entwicklungen in der Philosophie oder Soziologie? Warum ist Apologetik ("theologische Verteidigung der christlichen Wahrheit") so wichtig, obwohl sie in vielen christlichen Kreisen sehr umstritten ist? Warum ist Bibelkenntnis und -treue für jeden Christen gleichermaßen wichtig, auch wenn manche Theologen dies verneinen?

In den darauffolgenden Kapiteln werden jeweils die Kernaussagen der im Inhalt genannten theologischen "Vorbilder" untersucht. Dabei bleibt der Autor objektiv und nüchtern. Es ist ihm, wie er selbst betont, ein Anliegen, die zitierten Personen nicht persönlich zu verunglimpfen. Die zahlreichen Zitate werden alle mit Quellenangaben belegt. Diesen Zitaten werden passende Bibelverse entgegengestellt, die meist eine völlig konträre Aussage machen. Schon das allein erzielt eine große Wirkung auf den Leser. Dies ergänzt Brenscheidt dann mit eigenen Formulierungen und Gedanken, die zum weiteren Nachdenken anregen.

Die vom Autor exemplarisch ausgewählten Vertreter betonen ALLE gleichermaßen die Wichtigkeit des "Spürens" und "Genießens" in Bezug auf unsere Gottesbeziehung und erklären, warum dies unser Glaubensleben bestimmen sollte. Ich bin sehr fasziniert von Brenscheidts Beobachtungs- und Bewertungsgabe bzw. seine Fähigkeit, solche wohltuenden und gerngehörten Worte kritisch anhand der Bibel zu überprüfen.

Der Schreibstil ist sehr angenehm und der Autor schafft es, den Leser in seine Gedankengänge mit hineinzunehmen. Die Formulierungen sind klar und prägnant und die Argumentationsketten meist nachvollziehbar.
 
Etwas gestört haben mich manche inhaltlichen Wiederholungen, sowohl in den Gedankengängen des Autors, als auch bei den Zitierungen von bestimmten Bibelversen (was nicht ausschließt, dass sie an dieser Stelle passend waren.) Die Wiederholungen sollten vermutlich als Stilmittel zur Bestärkung und Erinnerung dienen.

Besonders gut hat mir die thematische Abrundung am Schluss gefallen, wo Brenscheidt nochmals auf unsere wahre Identität als Christen eingeht. Genießer oder Sklave? Des Weiteren bewirbt er die in Verruf geratene "Stille Zeit", die Gott selbst und sein Wort im Mittelpunkt hat und nicht das Wohlbefinden des Menschen.


Dieses Buch lässt aufhorchen und macht sensibel. Auch wenn ich nicht alle Ansichten des Autors teile ( - nur in Bezug auf kleine inhaltliche Nuancen, weshalb ich nicht im Detail darauf eingegangen bin), hat mir diese Lektüre unheimlich viel gebracht bzw. mich darin ermutigt, auch "berühmte" und angesehene Christen, deren Bücher regelmäßig bei renommierten christlichen Verlagen erscheinen, kritisch zu hinterfragen und einzig und allein das inspirierte Wort Gottes als Maßstab in meinem Leben heranzuziehen.

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