Mittwoch, 14. Dezember 2016

Rezension / Dornröschen hatte es leichter (Vanessa Mansini)

Über eine Lovelybooks-Verlosung bin ich an diesen Roman gekommen, von dem ich zunächst dachte, er sei von einer Frau - nämlich Vanessa Mansini - geschrieben worden. In der Zwischenzeit habe ich erfahren, dass Vanessa ein Pseudonym für den Autor Michael Meisheit ist, der dieses Buch als Selfpublisher und im Rahmen eines besonderen Projektes an die Frau gebracht hat.

Dem Buch selbst sieht man es kaum an, dass ein kleiner Verleger dahintersteckt. Die äußere Qualität des Buches stimmt, sowohl vom Material  her, als auch vom professionell anmaßenden Cover.


Hermine genießt im Jahr 1996 das unbeschwerte Leben einer 17-jährigen, als sie nach einem schweren Unfall in ein Koma fällt – das 20 Jahre andauern soll. Wie durch ein Wunder wacht sie im Jahr 2016 wieder auf, ohne erkennbare Langzeitschäden. Ihre Eltern, die von der Tochter zunächst nicht erkannt werden, sind fassungslos. Doch so wunderbar ihr Erwachen ist: für Hermine bricht erst mal eine Welt zusammen als ihr klar wird, in welchem Maße sich die Welt weitergedreht hat. Dies gilt insbesondere für das Leben ihrer großen Liebe Jan. Doch sie packt auch ihr eigenes Leben an und begibt sich zu aller erst auf Männersuche – denn die Uhr tickt…
 

Eigentlich möchte ich mich nicht so lange an dieser Rezension aufhalten. Es handelt sich nicht um ein literarisches Meisterwerk, das viele Schätze birgt, nach denen man tauchen müsste. Das Buch lässt sich lesen, wie sich eine Seifenoper anschauen lässt. Entweder möchte man das – oder eben nicht.

Im Grunde ist der Plot recht simpel und stellenweise wahlweise zu schön oder zu grauenvoll, um wahr zu sein. Es hat einen Moment gedauert, bis mich Hermines Schicksal fesseln konnte, aber dann konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Zwar wirkten manche Szenen brutal heraufbeschworen (mir fällt jetzt spontan die Szene zwischen Steff und Hermine in der Apotheke ein), aber die Neugierde auf den Ausgang der Geschichte war dann doch stärker. Da auch der Schluss nicht vorhersehbar ist und der Plot mehrere Wendungen hätte nehmen können, war ich „besänftigt“.

Die Konstellation zwischen den Protagonisten ist interessant und voller Konfliktpotential. Es prallen viele verschiedene Charaktere aufeinander, denen man durchaus im Jahr 2016 begegnen könnte. Besonders Bene (als der typische Großstadt-Hipster) hat mir als Charakter sehr gut gefallen.

Man kann Hermines Wechselbad der Gefühle gut nachvollziehen und durchlebt auch als Leser die zwischenmenschlichen Auf und Abs. Stellenweise war mir der Sinneswandel aber ZU abrupt (ACHTUNG, SPOILER: z.B. der Übergang zwischen dem Aufenthalt in Frankreich bzw. dem Entschluss von Bene, eine Familie zu gründen und Jans Bedenken - die in Hermine sofort Zweifel sähen, obwohl sie sich doch eigentlich so sicher war – glaubt man als Leser jedenfalls. Natürlich zeigt sich SOFORT, dass Jan Recht hatte…das war mir dann doch zu viel des Guten.)  

Alles in einem hat es der Autor natürlich darauf angelegt, seine wohl überwiegend weibliche Leserschaft  zufrieden zu stellen. Auch wenn man stellenweise merkt, dass ein Mann am Werk war, ist ihm im Großen und Ganzen der Sprung in die weibliche Gefühls- und Gedankenwelt doch ganz gut gelungen. Das Buch enthält alles, was „Frau“ möchte: Humor, Gefühl und ein Happy End – was erwartet man von leichter Unterhaltung mehr?


Wenn man sich darüber im Klaren ist, dass man es sich bei diesem Buch um eine, ich nenne es mal  „literarische Seifenoper mit einer Prise Dramatik“ handelt und sich dafür entschieden hat, sich darauf einzulassen, wird man mit kurzweiliger Unterhaltung belohnt. Ich selbst habe mich jedenfalls amüsiert.

Mittwoch, 30. November 2016

Rezension / "Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück" (Max Küng)


Über eine Lovelybooks-Verlosung bin ich an dieses (zunächst optisch und haptisch gesehen) wunderhübsche Büchlein gekommen. Schon der Klappentext hat mich neugierig gemacht: es geht um den scheinbar normal - verrückten Alltag von ein paar Menschen in einem Mehrfamilienhaus.


Schauplatz dieses Romans ist die Lienhardstraße 7 in Zürich, in der fünf Parteien wohnen. Es handelt sich um ganz unterschiedliche Zeitgenossen: Eine alleinstehende Studentin - ein junges, ungebundenes Pärchen - ein Ehepaar mit 2 Kindern - eine alleinerziehende Mutter -  ein alleinstehender, zurückgezogener Mann.
Alle ereilt das gleiche Schicksal: sie erhalten ein Kündigungsschreiben der Immobilienfirma, der das Gebäude gehört. Wie gehen die Parteien damit um? Was beschäftigt sie in der Zwischenzeit?


 „In jeder Beziehung war er großzügig gewesen. Leider auch in der Auslegung des Begriffs Treue.“


 Schon nach 75 Seiten Lektüre hatte ich das Gefühl, die bislang vorgestellten 6 Protagonisten erstaunlich gut zu kennen. Der Autor zeichnet diese Personen in rasanter Geschwindigkeit in all ihren Facetten. Man wird direkt in ihr Leben, ihren Alltag und ihre Nöte mit hineingezogen. Gut gelungen sind die jeweiligen Rückblenden, die zum Kennenlernen dienen. Sie werden schön in die Handlung der Gegenwart eingebettet. Die Gegenwart, in der nach und nach die Kündigungsschreiben an ihre Adressaten gelangen. Wunderbar ausgearbeitet!

Sehr gut gefallen hat mir auch der Prolog. Es wird ein Moment aus der Natur beschrieben, der das darwinistische „Fressen und gefressen werden“ verbildlicht. Der Sinn dieser Darwinistischen Vorstellung hat sich mir nicht von Anfang an erschlossen, aber je mehr Gedanken ich mir gemacht habe, desto passender erschien mir dieser Einstieg.

Es gibt folgendes Zitat von Darwin:

"Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, und auch nicht die intelligenteste, sondern eher diejenige, die am ehesten bereit ist, sich zu verändern."

Und ich glaube, dass genau DIESER Gedanke seinen Platz in diesem Buch gefunden hat. Alle Protagonisten haben im Laufe der Geschichte  mit Anfeindungen zu leben. Ganz unabhängig von ihrer familiären und privaten Ausgangslage können sie individuell entscheiden, wie es weiter gehen soll. Die Frage bleibt: will/ kann ich mich verändern? Merke ich überhaupt, dass ich mich verändern MUSS?

Inhaltlich haben mir auch die vielen beschriebenen alltäglichen Situationen gefallen, dies geschah sehr detailgetreu. Im Grunde verfolgt man nur den Alltag der Protagonisten - und doch braut sich etwas Gewaltiges und Spannendes zusammen. Die Geschichte beinhaltet viel Tiefgründiges, das man allmählich zerpflücken/ interpretieren muss. Beim Lesen hatte ich manchmal das Gefühl, dass NICHTS besonderes passiert - und doch spielte sich so viel im Unterbewusstsein der Protagonisten ab. Sie durchlaufen allesamt eine Entwicklung – besonders im letzten Viertel des Buches bewegt sich etwas! Sei es durch "Schicksal" oder durch bewusste, eigene Entscheidungen.

Den Schreibstil habe ich sehr genossen, der Autor lässt Bilder vor dem inneren Auge lebendig werden und Musik in den Ohren erklingen. Die Passagen sind teilweise humorvoll, teilweise feinfühlig.


 Dieser Roman von Max Küng ist wohl als sehr „intelligent“ zu bezeichnen. Als Leser hat man fortwährend das Bedürfnis, das Beschriebene zu interpretieren und zu verstehen. Einen Stern Abzug gibt es von mir, weil mir zwischendurch der rote Faden entwischt ist und ich beim besten Willen nicht absehen konnte, worauf der Autor hinaus will. Man lechzt als Leser doch arg nach einer Prämisse. Der Schluss war "befriedigend" + "sehr gut" für den Schreibstil und die Charakterausarbeitung = 4 Sterne von mir!
 

Montag, 21. November 2016

Friedhof / Weitlings Sommerfrische (Sten Nadolny)

Fakten: 

Gelesen bis: S. 50
Gefühl beim Lesen: "Wo soll das Ganze hinführen? Eigentlich interessiert es mich nicht..."
Größte Schwäche: Ausschweifend geschrieben
Kleines Lob: Anspruchsvolle Sprache





Meine Kurzmeinung: 

Die vielversprechende Romanidee hat mich dazu bewogen, dieses Buch zu lesen. Nur leider war der Inhalt nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte. Der Protagonist unternimmt zwar eine Zeitreise in die Vergangenheit - aber dadurch, dass er weder Fühlen noch Handeln und somit nicht in das Geschehen eingreifen kann, verlor das Buch seinen Reiz für mich. Es scheint tatsächlich eher eine philosophische Abhandlung zu sein, was mich ja grundsätzlich nicht abschreckt. Aber aufgrund der Passivität des Protagonisten konnte mich das Buch einfach nicht mitreißen. Ich denke dieses Buch ist etwas für Menschen, die sich für das Segeln interessieren und/oder den Chiemsee kennen und/oder die Nachkriegszeit etwas näher miterlebt haben und mit den sehr weitschweifend beschriebenen "Insidern" etwas anfangen können.

 [Was ist der Friedhof der Bücher?]

Rezension / Mondjahre (Eva-Maria Bast)



Auf der Suche nach einem Roman, der am Bodensee bzw. in Überlingen, meiner Heimatstadt, spielt, bin ich auf Eva-Maria Basts „Mondjahre“ gestoßen. Es handelt es sich um einen geschichtlichen Roman, von dem ich mir auch erhofft habe, er könnte mein Allgemeinwissen zum Thema „1. Weltkrieg“ aufbessern.

Die Tatsache, dass es sich um den 1. Band einer Trilogie handelt, hat meine Neugierde noch mehr geweckt.


Im Mittelpunkt der Familiensaga, die sich in diesem Band über ca. 4 Jahre erstreckt, stehen drei junge und starke Frauen. Diese müssen mit den plötzlichen Veränderungen, die der Krieg mit sich bringt, zurechtkommen und leben lernen. Doch sie haben nicht nur mit ihren eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen - auch mit dem Schicksal anderer Familienmitglieder und Freunde sind sie untrennbar verwoben. 

Inhaltlich gesehen hat das Buch grundsätzlich einiges zu bieten: viele Charaktere, viele Schauplätze, einige grundlegende Fakten über den Verlauf des ersten Weltkrieges. Die Grundidee gefällt mir sehr gut: es geht hauptsächlich um zwei „Parteien“ der Familie Seiler bzw. der Familie der verheirateten Tochter. Sie wohnen in Konstanz und Überlingen – zwei Städte am Bodensee, in denen sich das alltägliche Leben während des Krieges offenbar leicht unterscheidet. Die meisten Männer müssen in den Krieg ziehen, während die Frauen zurückbleiben oder sich zum Lazarettdienst an der Front melden. Sophie, eine Tochter aus dem Hause Seiler, verlobt sich vor Ausbruch des Krieges zu allem Überfluss mit einem Franzosen -  was die Handlung natürlich noch explosiver macht. Der Inhalt birgt also spannendes Konfliktpotenzial. Aufgelockert wird der Plot dann durch Szenen aus dem Jahr 2013 : die junge Zita, die rein zufällig an Sophies Tagebuch kommt und auch nicht zur Familie Seiler gehört, versucht einem Familiengeheimnis auf die Spur zu kommen. 

So weit, so gut. Leider hat es in meinen Augen dann an der Umsetzung des Ganzen gehapert. Aufgrund der Fülle an Protagonisten hätte ich mir eine differenziertere Ausarbeitung der Charaktere gewünscht, und nicht nur die Fraktionen „hübsch, mutig, jung“, „mutig, sanft, alt“ und „patriotisch, aber wehleidig“. Um es mal übertrieben auszudrücken. Dadurch, dass sich unsere drei Haupt-Protagonistinnen in der Art sehr ähneln, fiel es mir manchmal tatsächlich schwer, sie auseinanderzuhalten. Gerade bei Sophie und Johanna (deren Nichte), ist es mir so ergangen. Dadurch, dass sie genau gleich ticken und fast gleich alt sind, vergisst man beim Lesen gerne die dazwischenliegende Generationenebene. Ein Familienstammbaum, abgedruckt am Anfang oder am Ende des Buches, wäre eine gute Unterstützung gewesen. Gerade als Zita im Jahr 2013 versucht, das „Familiengeheimnis“ zu lüften und dann Großmutter, Urgroßmutter und Großtante ins Spiel kommen, wurde mein Lesefluss erheblich gestört. 

Was die einzelnen Szenen angeht: einige sind spannend und glaubhaft, andere wirken eher inszeniert (z.B. die Geschehnisse rund um die geplante Hochzeit von Luise und Siegfried in Memel. Es war sehr dumm und naiv von den beiden Frauen, vor Ort zu bleiben. Es passt einfach nicht zu ihrem Wesen.)

Der Schreibstil / die Sprache ist für die Gesamtlektüre sehr angenehm. Der Text ist flüssig und verständlich geschrieben. Allerdings empfand ich einige Passagen sprachlich als zu blumig ausgeschmückt oder gekünstelt. Besonders gestört hat mich das bei einigen Dialogen, die dadurch aufgesetzt / gestellt wirkten. Stellenweise konnte ich mich nur schwer auf die Auseinandersetzungen der Protagonisten einlassen bzw. mitfiebern. Manche Reaktionen waren für mich einfach zu übertrieben oder zu überschwänglich - der Situation nicht angepasst. Oder die Gefühlsschwankungen waren zu abrupt. Dieses Gefühl entstand bei mir vielleicht auch deshalb, weil die Charaktere nicht ausreichend "ausgefeilt" wurden.
Extrem gestört haben mich die zwanghaften Cliffhanger am Ende vieler Kapitel, die teilweise auch schon den weiteren Verlauf der Geschichte vorweg nehmen. Es hat fast etwas Bettelndes („Bitte, du muss unbedingt weiterlesen!“) Gegen Cliffhanger ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden – aber bitte nicht so offensichtlich und so oft. 

Der Plot ist schlüssig, auch wenn manche Wendungen konstruiert wirken oder Protagonisten sich seltsam verhalten (z.B. Irina, die 2-3 Mal nach Deutschland und zurück nach Russland reist, um Menschen nach Hause zu begleiten. Das empfand ich als unnötig.) Grobe Widersprüche konnte ich nicht feststellen.

Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn mir der Schreibstil nicht uneingeschränkt zugesagt hat. Es hat ein paar Seiten Lektüre gedauert, bis ich mich auf den Inhalt einlassen konnte. Aber die Autorin hat es zumindest geschafft, meine Neugierde auf den 2. Band der Trilogie zu wecken. Ich hoffe, dass darin die Schauplätze noch ein wenig detaillierter beschrieben werden.




Dienstag, 8. November 2016

Rezension / Die Perspektive des Gärtners (Hakan Nesser)


Lange stand dieses Buch ungelesen in meinem Regal. Ich habe es damals angeschafft, weil ich von Hakan Nesser bereits „In Liebe, Agnes“ gelesen hatte und dieses kleine Büchlein ziemlich genial fand. Nessers  Schreibstil hat mich fasziniert und gefesselt, der Ausgang der Geschichte war fast bis zur letzten Seite unvorhersehbar.

Eine ähnliche Erwartung hatte ich nun auch an diesen Roman.


Der Schriftsteller Erik Steinbeck lernt bei einer seiner Lesung Winnie Mason kennen. Sie fühlen sich auf Anhieb zueinander hingezogen, wie zwei Seelenverwandte. Kurz darauf werden sie ein Paar und heiraten. Obwohl Winnie aufgrund einer dramatischen Erfahrung in ihrer Vergangenheit keine Kinder von ihm möchte, wird sie unverhofft schwanger. Doch die kleine Sarah wird im Alter von 4 Jahren von einem Fremden verschleppt - die Ermittler tappen im Dunklen. Nach einer längeren Trauerphase beschließt das Paar in die Staaten auszuwandern, um dieses schreckliche Erlebnis irgendwie hinter sich zu lassen.  Erik versucht, das Erlebte schreibend zu verarbeiten, während Winnie sich immer mehr von ihm entfernt. Erik beginnt, seiner Frau zu misstrauen und erfährt, dass sie bezüglich ihrer Vergangenheit nicht immer ehrlich zu ihm war. 


„Das Nachdenken ist die ältere Schwester des Entschlusses.“


Wenn ich mit der Beurteilung des Inhalts beginne, muss ich leider mit dem negativsten Punkt einsteigen. Aufgrund meines letzten Nesser-Buches bin ich mit hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen und habe mit einer verstrickten und cleveren Handlung gerechnet. Doch diesmal war Story recht „glatt“.  Zwar wurden immer wieder neue, interessante Informationen eingestreut (gerade was die Vergangenheit von Winnie angeht), aber das echte Überraschungsmoment blieb aus. Stellenweise plätscherte die Handlung vor sich hin. Es ist nur dem guten Schreibstil zu verdanken, dass ich weiterlesen konnte. Weshalb ich dann all‘ meine Hoffnung in ein überraschendes Ende gesetzt habe. Leider wurde ich enttäuscht, denn einerseits war das Ende ein wenig an den Haaren herbei gezogen, andererseits  wurde in meinen Augen nicht alles ausreichend aufgeklärt. Ein paar letzte Geheimnisse sind durchaus legitim, aber ein  Autor sollte da die Waage halten. Leider ist das Hakan Nesser hier nicht besonders gut geglückt.

Der Schreibstil hat mir mal wieder außerordentlich gut gefallen. Gegen die Ich-Form oder die direkte Ansprache des Lesers habe ich nichts einzuwenden. Da Erik so gut wie keine Familie und Freunde hat, bzw. sogar seine Ehefrau sich von ihm entfernt, wir der Leser wie zu einem Vertrauten.  Über den Schreibstil wird auch Eriks Nüchternheit gut transportiert. Er hat keinen Hang zum Dramatisieren oder zu übertriebenen Gefühlsregungen. Was nicht bedeutet, dass er gar keine Gefühle zeigt. Doch sie sind in wohlüberlegte Sätze verpackt.

Sprachlich gesehen ist das Buch ein Genuss. Man merkt, dass der Autor sein Handwerk versteht. Es gibt keine Stellen, über die man sprachlich gesehen stolpern müsste. Was mich als Leser fasziniert sind Sätze, die ich selbst schon mal gedacht, aber noch nie schwarz auf weiß gesehen habe. Hakan Nesser ist in der Lage, tiefste Gedanken verständlich für alle in Worte zu fassen.

In Bezug auf die Schlüssigkeit / Verständlichkeit muss ich an meine Ausführung zum Inhalt anknüpfen: zu viele Fragen bleiben für mich am Ende offen. Man kann sich kein rundes Bild machen. Was nicht heißen will, dass ein Romanleser immer ein Happy End braucht – aber er braucht zumindest ein klares ENDE.


Ich würde die Lektüre dieses Buches nicht unbedingt als Zeitverschwendung ansehen, aber leider hat mich die Geschichte nicht überzeugt. Diese Erfahrung wird mich aber nicht davon abhalten, es noch mit einem weiteren „Nesser“ zu probieren. 





Dienstag, 1. November 2016

Rezension / Du und ich und das Meer (Sandy Taylor)



Das interessante Cover und der Klappentext des Buches haben mich dazu bewogen, mich bei Lovelybooks um das Buch zu bewerben.


Mary und Dottie kennen sich schon seit ihrem 8. Lebensjahr und verbringen fast jede freie Minute miteinander. In der englischen Stadt Brighton der 60er Jahre wachsen sie zu unbeschwerten jungen Frauen heran und tun das, was die meisten Frauen in ihrem Alter eben gerne tun: shoppen, ausgehen, schwärmen.
Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein: Mary, die mutige Künstlerin, die die Welt bereisen möchte. Dottie, die Bodenständige, die sich nur ein Leben mit Mann und Kindern in ihrer Heimat vorstellen kann. Sie scheinen sich jedoch perfekt zu ergänzen - wie zwei Puzzlestücke.
Doch wie es nun mal so ist: auch die tiefste Freundschaft bleibt vor Stürmen nicht verschont. 


„Alles schien perfekt zu sein, so als ob ich es mir genau einprägen müsste, bevor es dahinschwand."
 

Es fiel mir von Anfang an leicht, in die Geschichte der beiden Freundinnen einzutauchen. Die Beschreibung Brightons in den 60ern war für mich wie eine kleine Zeitreise – zum einen in die genannte Epoche, zum anderen in meine eigene Kindheit und Jugendzeit. Es blitzten immer wieder Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit auf, in der man hauptsächlich darauf bedacht war, möglichst gut auszusehen und möglichst bald seinen Schwarm wiederzusehen. 

Die gesamte Geschichte zwischen Prolog und Epilog ist schlüssig und wirft keine inhaltlichen Fragen auf. Das Buch ist weder mit Inhalt überfrachtet, noch langweilig. Für mich gab es lediglich einen inhaltlichen Stolperstein, der fast einen Stern in meiner Bewertung gekostet hätte – doch habe ich meine Meinung geändert. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Szene authentisch und unverblümt aufzeigt, wie der Wind in den 60er blies, was die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau anging.  

An manchen Stellen muss der Leser mit „Längen“ klarkommen. Ich habe diese eher als Stilmittel empfunden, zum Spannungsaufbau, aber an keiner Stelle langweilig. Es ist, als müsste man als Leser die „Durststrecken“ der Protagonisten mittragen.

Die Sprache ist bilderreich, die Erzählerin beschreibt Situationen gerne in Bildern bzw. Vergleichen ("Mein Mund war trocken und fühlte sich an, wie es im inneren eines Kinderwagens aussah, voller Staubflusen und Kekskrümel." - "Mein Kopf war so leergefegt wie der Strand an einem Schultag"). Aber nicht nur das: an manchen Stellen fühlt man sich wirklich wie in die Szene gebeamt, mitten nach Brighton, mitten in die 60er Jahre. Mit Gerüchten, Farben, Geräuschen…

Die Charaktere wurden allesamt wunderbar ausgearbeitet und jeder Akteur trägt seinen Teil zu dieser teils urkomischen, aber auch sehr ernsthaften Geschichte bei. Die Wünsche und Träume der Protagonisten werden von der Autorin nicht gewertet,  sondern stehen unkommentiert im Raum und haben ihre Daseinsberechtigung.

Der Kontrast bzw. die Spannung zwischen den einerseits humorvollen, andererseits zu Tränen rührenden Szenen ist auffällig. Aber die Autorin hat diese Gratwanderung gut gemeistert und einen perfekten Mix geschaffen. Der Humor war nicht schwarz, die traurigen Passagen nicht kitschig.


„Du und ich und das Meer“ ist ein unaffektierter, nicht kitschiger Roman, der sich meiner Meinung nach von anderen Frauenromanen abhebt. Opferbereitschaft wird noch als Tugend gefeiert bzw. es wird deutlich, dass Hilfsbereitschaft und Selbstaufgabe nicht zwangsläufig gleichzeitig einhergehen müssen. Es wird die Freundschaft gefeiert – eine Freundschaft, die Barrieren überwindet.



Donnerstag, 27. Oktober 2016

Rezension / Der Junge, der vom Frieden träumte (Michelle Cohen Corasanti)

Nach einer langen Lesepause hat es mich wieder in meinen Lieblingsbuchladen verschlagen - eigentlich wollte ich nur ein Geschenk holen. Aber dann kribbelte es doch wieder....schließlich empfahl mir die Verkäuferin diesen Roman.


Es ist die Geschichte von Ahmed Hamid, dem ältesten Sohn einer in Israel beheimateten palästinensischen Großfamilie. Schon im zarten Alter von 12 Jahren wird er Zeuge des Todes seiner 2-jährigen Schwester Amal, welche auf tragische Weise durch eine israelische Mine ums Leben kommt. Dies soll aber nicht der einzige Schicksalsschlag in seinem Leben bleiben. Nachdem sein unschuldiger Vater als vermeintlicher Terrorist verhaftet wird, muss Ahmed sich um das Wohl seiner Familie kümmern - was bedeutet, dass er die Schule abbrechen muss. Doch sein Lehrer Mohammad glaubt an sein mathematisches Talent und daran, dass er in seinem Leben noch Großes erreichen kann. Mit dessen Hilfe öffnet sich für Ahmad eine Tür in ein anderes Leben. Doch auch die Wissenschaft und die Liebe vermögen es nicht, ihn von seinen Wurzeln zu trennen.


"Mut war nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Abwesenheit von Egoismus."


Schon auf den ersten paar Seiten schaffte es die Autorin, mich in den Sog der Geschichte zu ziehen. Kein Wunder: sie steigt mit dem grässlichen Tod (inklusive Details) einer Zweijährigen ein. Diese Anfangspassage hat mich sogar nach der Lektüre noch weiter verfolgt. Bis zur Mitte des Buches reiht sich eine Grausamkeit an die andere - man kommt aus dem Entsetzen nicht mehr raus. Als ob man selbst mittendrin sei. Das Lesen wird zur Schocktherapie. Es rückt das eigene Leben wieder in ein ganz anderes Licht, lässt einen wieder dankbar werden.

Von Anfang an wird der Nahost-Konflikt aus Sicht dieser palästinensischen Familie bzw. der zurückgedrängten, muslimischen Bevölkerung beschrieben. Details zum 6-Tage-Krieg und zu weiteren Krisen werden interessant in die Geschichte eingeflochten und tragen zum besseren Verständnis der (Welt-)Geschichte bei. Es war der Autorin offensichtlich ein Anliegen darüber aufzuklären, WIE skrupellos die Israelis nach der Staatsgründung Israels ihre Gebiete eingenommen haben, also ohne Rücksicht auf Verluste.

Grundsätzlich ist die Empörung über das Verhalten manch israelischer Soldaten sicher berechtigt, aber die einseitige Betrachtung in diesem Roman wurde mir nach und nach zum Dorn im Auge. Die Darstellung des Konflikts zwischen diesen beiden Völkern bleibt meiner Meinung nach zu unausgewogen, die Israelis kommen außerordentlich schlecht weg. Auch wenn Ahmads bester Freund letztendlich ein Jude ist und der Fokus auf dem friedlichen Miteinander und einer Einigung liegt, heilt das die inhaltliche Einseitigkeit in Summe nicht. Die freunschaftliche Beziehung der beiden spielt sich außerdem auf einer vollkommen anderen Ebene ab - fernab der Politik.

Ahmads Leben wird durch krasse Aufs und Abs bestimmt - manchmal empfand ich die Wendungen als passend und spannend, an anderen Stellen wirkten sie konstruiert. Im Großen und Ganzen war ein roter Faden erkennbar, die Autorin beschränkt sich auf wichtige Stationen in Ahmads Leben. Dies macht auch den Schreibstil aus: die Autorin bedient sich einer verständlichen, kurz angebundenen Sprache. Manch' tragische Passage wird sogar fast ZU nüchtern beschrieben, vor allem in der zweiten Hälfte des Buches. Als ob man sich als Leser an die Grausamkeiten "gewöhnt" hätte - was natürlich auch als Stilmittel gesehen werden kann.

Etwas "anstrengend" waren für mich auch die spezifisch mathematischen Passagen, die teilweise SEHR detailiert und ausschweifend geschrieben wurden. Andererseits wüsste ich nicht, wie die Autorin Ahmed Talent anders hätte beschreiben sollen.

Besonders gut hat mir auch der Konflikt innerhalb der Familie gefallen. Er zeigt auf, dass auch Brüder oder Ehepartner sich einander treu bleiben können, auch wenn sie sehr unterschiedlich ticken. Die Autorin hebt hervor, dass eine Annäherung manchmal nur durch Vernunft möglich ist, sowohl in einer kleinen Familien-Zelle als auch im größeren politischen Rahmen. Dieser Vergleich hat mir gefallen - auch wenn ich glaube, dass dies in der Realität viel schwieriger ist und dass konkret im Nahost-Konflikt tatsächlich etwas Höheres mit im Spiel ist. Die Menschheit wird das Problem nicht lösen können.


Alles in einem ist dieser Roman, bis auf die oben genannten inhaltlichen Feinheiten, einfach nur "rund": er ist spannend, emotional und sachlich gleichermaßen, informativ und unterhaltend.


Montag, 24. Oktober 2016

separée / Zurück aus der Bloggerpause!

Hallo verrückte Buchcommunity!

Vielleicht kann sich noch jemand an mich erinnern...und wenn nicht: auch nicht so schlimm :-)
Dann bin ich eben die "Neue".

Einige Monate bin ich in der Versenkung verschwunden (oder gar Jahre??), da ich familiär viel um die Ohren hatte. Vielleicht hat sich der ein oder andere gefragt, wo ich bleibe, gerade weil ich kurz zuvor als Iron Buchbloggerin aktiv war.

Der temporäre Schlussstrich war nötig.
Hin und wieder müssen Prioritäten im Leben neu verschoben werden und das ist gut so. Trotzdem habe ich gemerkt, dass mir abgesehen vom Lesen auch das Schreiben fehlt. Meinen Blog habe ich eigentlich immer gerne betrieben und war sehr traurig darüber, dass mir die Zeit davonrannte...und halbe Sachen sind nicht mein Ding. Bald werde ich wieder mehr zeitliche Kappazitäten haben und das stimmt mich fröhlich.

Des Weiteren wurde mir der soziale Druck zu hoch (vielleicht versteht ihr, was ich meine) und das Lesen zu einer Pflicht. Das soll sich nicht wieder einschleichen - weshalb ich meine social media activities neben dem Blog sehr gering halten werde.
Mein einziger "Kanal" wird Lovelybooks bleiben, wo ich gerne an Leserunden & Co. teilnehmen möchte.

Vor ein paar Tagen also gab ich sie also wieder ein, die lang verstaubte Internetadresse:

www.buchfaible.blogspot.de

Wo war ich eigentlich stehengeblieben? Was hatte ich bereits verfasst und wieder auf "inaktiv" gesetzt? Nun habe ich sämtliche Rezensionen wieder aufleben lassen (was zum Glück nicht allzu schwer war) und bin stolz darauf, wieder ein Grundgerüst zu haben, mit dem ich in das Jahr 2017 starten kann.

Hab ihr auch schon ähnliche Phasen erlebt?

Auf eure Kommentare freue ich mich sehr!

Eure Carina