Donnerstag, 27. Oktober 2016

Rezension / Der Junge, der vom Frieden träumte (Michelle Cohen Corasanti)

Nach einer langen Lesepause hat es mich wieder in meinen Lieblingsbuchladen verschlagen - eigentlich wollte ich nur ein Geschenk holen. Aber dann kribbelte es doch wieder....schließlich empfahl mir die Verkäuferin diesen Roman.


Es ist die Geschichte von Ahmed Hamid, dem ältesten Sohn einer in Israel beheimateten palästinensischen Großfamilie. Schon im zarten Alter von 12 Jahren wird er Zeuge des Todes seiner 2-jährigen Schwester Amal, welche auf tragische Weise durch eine israelische Mine ums Leben kommt. Dies soll aber nicht der einzige Schicksalsschlag in seinem Leben bleiben. Nachdem sein unschuldiger Vater als vermeintlicher Terrorist verhaftet wird, muss Ahmed sich um das Wohl seiner Familie kümmern - was bedeutet, dass er die Schule abbrechen muss. Doch sein Lehrer Mohammad glaubt an sein mathematisches Talent und daran, dass er in seinem Leben noch Großes erreichen kann. Mit dessen Hilfe öffnet sich für Ahmad eine Tür in ein anderes Leben. Doch auch die Wissenschaft und die Liebe vermögen es nicht, ihn von seinen Wurzeln zu trennen.


"Mut war nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Abwesenheit von Egoismus."


Schon auf den ersten paar Seiten schaffte es die Autorin, mich in den Sog der Geschichte zu ziehen. Kein Wunder: sie steigt mit dem grässlichen Tod (inklusive Details) einer Zweijährigen ein. Diese Anfangspassage hat mich sogar nach der Lektüre noch weiter verfolgt. Bis zur Mitte des Buches reiht sich eine Grausamkeit an die andere - man kommt aus dem Entsetzen nicht mehr raus. Als ob man selbst mittendrin sei. Das Lesen wird zur Schocktherapie. Es rückt das eigene Leben wieder in ein ganz anderes Licht, lässt einen wieder dankbar werden.

Von Anfang an wird der Nahost-Konflikt aus Sicht dieser palästinensischen Familie bzw. der zurückgedrängten, muslimischen Bevölkerung beschrieben. Details zum 6-Tage-Krieg und zu weiteren Krisen werden interessant in die Geschichte eingeflochten und tragen zum besseren Verständnis der (Welt-)Geschichte bei. Es war der Autorin offensichtlich ein Anliegen darüber aufzuklären, WIE skrupellos die Israelis nach der Staatsgründung Israels ihre Gebiete eingenommen haben, also ohne Rücksicht auf Verluste.

Grundsätzlich ist die Empörung über das Verhalten manch israelischer Soldaten sicher berechtigt, aber die einseitige Betrachtung in diesem Roman wurde mir nach und nach zum Dorn im Auge. Die Darstellung des Konflikts zwischen diesen beiden Völkern bleibt meiner Meinung nach zu unausgewogen, die Israelis kommen außerordentlich schlecht weg. Auch wenn Ahmads bester Freund letztendlich ein Jude ist und der Fokus auf dem friedlichen Miteinander und einer Einigung liegt, heilt das die inhaltliche Einseitigkeit in Summe nicht. Die freunschaftliche Beziehung der beiden spielt sich außerdem auf einer vollkommen anderen Ebene ab - fernab der Politik.

Ahmads Leben wird durch krasse Aufs und Abs bestimmt - manchmal empfand ich die Wendungen als passend und spannend, an anderen Stellen wirkten sie konstruiert. Im Großen und Ganzen war ein roter Faden erkennbar, die Autorin beschränkt sich auf wichtige Stationen in Ahmads Leben. Dies macht auch den Schreibstil aus: die Autorin bedient sich einer verständlichen, kurz angebundenen Sprache. Manch' tragische Passage wird sogar fast ZU nüchtern beschrieben, vor allem in der zweiten Hälfte des Buches. Als ob man sich als Leser an die Grausamkeiten "gewöhnt" hätte - was natürlich auch als Stilmittel gesehen werden kann.

Etwas "anstrengend" waren für mich auch die spezifisch mathematischen Passagen, die teilweise SEHR detailiert und ausschweifend geschrieben wurden. Andererseits wüsste ich nicht, wie die Autorin Ahmed Talent anders hätte beschreiben sollen.

Besonders gut hat mir auch der Konflikt innerhalb der Familie gefallen. Er zeigt auf, dass auch Brüder oder Ehepartner sich einander treu bleiben können, auch wenn sie sehr unterschiedlich ticken. Die Autorin hebt hervor, dass eine Annäherung manchmal nur durch Vernunft möglich ist, sowohl in einer kleinen Familien-Zelle als auch im größeren politischen Rahmen. Dieser Vergleich hat mir gefallen - auch wenn ich glaube, dass dies in der Realität viel schwieriger ist und dass konkret im Nahost-Konflikt tatsächlich etwas Höheres mit im Spiel ist. Die Menschheit wird das Problem nicht lösen können.


Alles in einem ist dieser Roman, bis auf die oben genannten inhaltlichen Feinheiten, einfach nur "rund": er ist spannend, emotional und sachlich gleichermaßen, informativ und unterhaltend.


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