Dienstag, 8. November 2016

Rezension / Die Perspektive des Gärtners (Hakan Nesser)


Lange stand dieses Buch ungelesen in meinem Regal. Ich habe es damals angeschafft, weil ich von Hakan Nesser bereits „In Liebe, Agnes“ gelesen hatte und dieses kleine Büchlein ziemlich genial fand. Nessers  Schreibstil hat mich fasziniert und gefesselt, der Ausgang der Geschichte war fast bis zur letzten Seite unvorhersehbar.

Eine ähnliche Erwartung hatte ich nun auch an diesen Roman.


Der Schriftsteller Erik Steinbeck lernt bei einer seiner Lesung Winnie Mason kennen. Sie fühlen sich auf Anhieb zueinander hingezogen, wie zwei Seelenverwandte. Kurz darauf werden sie ein Paar und heiraten. Obwohl Winnie aufgrund einer dramatischen Erfahrung in ihrer Vergangenheit keine Kinder von ihm möchte, wird sie unverhofft schwanger. Doch die kleine Sarah wird im Alter von 4 Jahren von einem Fremden verschleppt - die Ermittler tappen im Dunklen. Nach einer längeren Trauerphase beschließt das Paar in die Staaten auszuwandern, um dieses schreckliche Erlebnis irgendwie hinter sich zu lassen.  Erik versucht, das Erlebte schreibend zu verarbeiten, während Winnie sich immer mehr von ihm entfernt. Erik beginnt, seiner Frau zu misstrauen und erfährt, dass sie bezüglich ihrer Vergangenheit nicht immer ehrlich zu ihm war. 


„Das Nachdenken ist die ältere Schwester des Entschlusses.“


Wenn ich mit der Beurteilung des Inhalts beginne, muss ich leider mit dem negativsten Punkt einsteigen. Aufgrund meines letzten Nesser-Buches bin ich mit hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen und habe mit einer verstrickten und cleveren Handlung gerechnet. Doch diesmal war Story recht „glatt“.  Zwar wurden immer wieder neue, interessante Informationen eingestreut (gerade was die Vergangenheit von Winnie angeht), aber das echte Überraschungsmoment blieb aus. Stellenweise plätscherte die Handlung vor sich hin. Es ist nur dem guten Schreibstil zu verdanken, dass ich weiterlesen konnte. Weshalb ich dann all‘ meine Hoffnung in ein überraschendes Ende gesetzt habe. Leider wurde ich enttäuscht, denn einerseits war das Ende ein wenig an den Haaren herbei gezogen, andererseits  wurde in meinen Augen nicht alles ausreichend aufgeklärt. Ein paar letzte Geheimnisse sind durchaus legitim, aber ein  Autor sollte da die Waage halten. Leider ist das Hakan Nesser hier nicht besonders gut geglückt.

Der Schreibstil hat mir mal wieder außerordentlich gut gefallen. Gegen die Ich-Form oder die direkte Ansprache des Lesers habe ich nichts einzuwenden. Da Erik so gut wie keine Familie und Freunde hat, bzw. sogar seine Ehefrau sich von ihm entfernt, wir der Leser wie zu einem Vertrauten.  Über den Schreibstil wird auch Eriks Nüchternheit gut transportiert. Er hat keinen Hang zum Dramatisieren oder zu übertriebenen Gefühlsregungen. Was nicht bedeutet, dass er gar keine Gefühle zeigt. Doch sie sind in wohlüberlegte Sätze verpackt.

Sprachlich gesehen ist das Buch ein Genuss. Man merkt, dass der Autor sein Handwerk versteht. Es gibt keine Stellen, über die man sprachlich gesehen stolpern müsste. Was mich als Leser fasziniert sind Sätze, die ich selbst schon mal gedacht, aber noch nie schwarz auf weiß gesehen habe. Hakan Nesser ist in der Lage, tiefste Gedanken verständlich für alle in Worte zu fassen.

In Bezug auf die Schlüssigkeit / Verständlichkeit muss ich an meine Ausführung zum Inhalt anknüpfen: zu viele Fragen bleiben für mich am Ende offen. Man kann sich kein rundes Bild machen. Was nicht heißen will, dass ein Romanleser immer ein Happy End braucht – aber er braucht zumindest ein klares ENDE.


Ich würde die Lektüre dieses Buches nicht unbedingt als Zeitverschwendung ansehen, aber leider hat mich die Geschichte nicht überzeugt. Diese Erfahrung wird mich aber nicht davon abhalten, es noch mit einem weiteren „Nesser“ zu probieren. 





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